ZWÖLF.

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„Lo, du musst jetzt gehen..."

Jamies dünne, helle Stimme jagte mir einen leichten Schauer über den Rücken. Ich drehte mich zu ihm um und versuchte, das Seufzen zu unterdrücken, das mir jetzt in die Kehle stieg.

Er stand vor mir und sah mich mit großen Augen an.

Seine Augen waren viel zu erwachsen für sein Kindergesicht. Seine Augen waren alt. Erfahren. Sie hatten schon zu viel von dieser Welt gesehen. Zu viel Schlechtes, zu viel Böses. Alles, was für die Augen eines elfjährigen Kindes nicht geeignet waren.

Aber was konnte ich machen.

Ich war hilflos.

Ich riss mich wieder aus diesem dunklen, wirbelnden Gedankenstrom und sah erst jetzt, dass er mir etwas hinhielt.

Ich schluckte.

„Hier, Lo", sagte er leise und streckte mir seinen dürren Arm noch weiter entgegen.

„Bind es um. Bitte."

Es war ein Halstuch.

Ein dunkelblaues Halstuch.

Es war das Einzige, was wir von unserer Mutter besaßen.

Jamie liebte dieses Halstuch, er trug es sehr oft. Ich konnte gar nicht beschreiben, wie ich mich jetzt fühlte, als er es mir hinhielt.

Wortlos nahm ich es und band es mir um meinen Hals.

„Du solltest jetzt schlafen gehen, Spätzchen", murmelte ich, als Jamie seine Arme um meinen Hals schlang, nachdem ich ein wenig in die Knie gegangen war.

„Bruce sitzt vorne im Eingangsbereich, er ist die ganze Nacht da. Später schaut er kurz nach dir, hat er mir versprochen, aber momentan muss er noch arbeiten und da darfst du ihn nicht stören."

Jamie sah ein wenig enttäuscht aus. Er mochte Bruce sehr gerne - und Bruce mochte Jamie natürlich, aber das tat ja eh jeder Mensch - aber er fing sich gleich wieder und lächelte mich an.

„In Ordnung. Gute Nacht, Lo, ich hab dich lieb."

Ich drückte ihm einen sanften Kuss auf die Stirn und sah ihm dabei zu, wie er sich unter die dünne Decke kuschelte und sofort einschlief.

*

*

*

„Jetzt komm endlich. Du kannst dich nicht drücken."

Ich regte mich nicht, sondern starrte mich weiter in dem schmutzigen, länglichen Spiegel an, den Mou von einem Flohmarkt geklaut hatte (wir klauten viele unserer Sachen von Flohmärkten, da gab es keine Warensicherung und die Leute passten generell nicht so gut auf, wer sich an ihrem Stand herumtrieb).

Wenn ich nicht auf der Straße leben sondern ein normales Leben führen würde, wäre ich bestimmt richtig hübsch.

Ich legte den Kopf ein wenig schief und betrachtete mich eingängig.

Ich hatte schöne Gesichtszüge - geschwungene Lippen, eine gerade Nase, wohlgeformte Wangenknochen - , einen gut proportionierten Körper, gerade Zähne und eine leuchtende, allseits bekannte Augenfarbe.

Normalerweise.

Jetzt war mein Gesicht eingefallen, weil ich zu wenig aß, mein Körper besaß kaum einen Muskel und ich sah insgesamt aus wie ein Zombie.

Ein lebensmüder, ein wenig aggressiver Zombie, der nichts lieber wollte, als sich neben Jamie in mein dreckiges Bett kuscheln und zu schlafen.

Ich wollte nicht mit ins Mexx, wieso konnte das keiner verstehen?!

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