Perlenmeer Kapitel 14

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Auf einmal hatte ich eine Wut auf alle.

Blödsinnig ich weiss. Ich fand auf einmal Grund auf alles wütend zu sein. Ich begann mich in mein altes Leben zurück zu kriechen. Meine Bücher, meine Musik, meine Sonnenblumen, die langsam aber sicher ein Lebenszeichen aus der Erde gaben und Delaiah. So wie früher. Bevor mich Yuri angesprochen hatte, bevor ich begonnen hatte, Maya und den anderen näher zu kommen. Ich begann jedem und allen auszuweichen so gut es ging. Klammerte mich an den Zauberer von Oz und Dorothy, wie sie die böse Hexe aus dem Westen ganz allein durch einen Kessel Wasser besiegte.

Nur meine Perlen. Die holte ich nicht hervor. Denn sie würden mich nur daran erinnern, wie sie mich letzten Montag ertränkt hatten.

Am Mittwoch Nachmittag war ich mit Delaiah in der Bibliothek.

Ich wanderte durch die langen schmalen Gänge und zog ab und an eines der verstaubten backsteinschweren Bücher aus dem Gestell, Delaiah folgte mir wie ein Schatten. Die Bibliothek der Schule war wahnsinnig gross und so alt. Manchmal war ich ganz allein – bis auf die Bibliothekarin. Aber die grosse Büchersammlung war eben auch für Leute zugänglich, die nicht hier zur Schule gingen. Deshalb war die Sammlung an Werken riesig gross.

Es war wie in alten Zeiten. Delaiah tippte mir auf die Schultern und streckte mir einen recht dicken Roman entgegen: „Willkommen im Club der Idioten“ Delaiah hielt ein schallendes Lachen zurück und ich grinste.

„Ich habe das so im Gestell gefunden und mir gedacht, das passt doch perfekt zu dir!“ neckte er mich und ich warf ihm einen vorwurfsvollen aber amüsierten Blick zu. „Ha-ha!“ Delaiah lachte und schlug das Buch auf und las die ersten Zeilen, ehe er es zurück ins Gestell schob und sich ein weiteres Buch suchte, mit dem er mich aufziehen konnte.

„Oh! Sieh mal da!“ Diesmal war es ein kitschiges Buch in rosarot. Auf dem Titelbild war ein Mädchen mit schwarzen langen Haaren zu sehen und der Titel lautete: „Die Entscheidung“ Delaiah begann den Klapptext mit dramatischer Gestik und in hohem Singsang vorzulesen.

„Aracara ist eine Feuerfee und soll den Thron des Mabivareichs übernehmen, verliebt sich aber in den Prinzen des Satans, mit dem sie in viele gefährliche Abenteuer immer wieder ihren Mut beweisen muss und die Liebe, die sie mit der Zeit für ihn-“ „Okay, ist ja gut, genug jetzt!“ Ich lachte und Delaiah stoppte seine Show und lachte. Immerhin in angemessener Lautstärke, denn wir hatten schon mehr als genug Krach mit der strengen Bibliothekarin.

Schliesslich entschied ich mich für „Die unendlich Geschichte“ und „Willkommen im Club der Idioten“, wofür mich Del zwar eine halbe Stunde lang ausgelacht hatte, doch das war es mir wert, denn ich war wirklich neugierig, was sich hinter solch einem Titel verbarg.

Gemütlich machten wir uns auf den Weg zu den Sporthallen. In zehn Minuten begann die Sportstunde, vor den Kabinen verabschiedete ich mich von Delaiah mit einem Lächeln und verschwand in die Umkleidekabinen für Mädchen.

Agnes sass auf einer der Holzbänken und machte sich einen Pferdeschwanz, während Maya sich die Turnschuhe band. Ich trat herein und sie sahen alle auf.

Agnes grinste zuversichtlich, ich aber lächelte nur unsicher und zögernd zurück. Ich weiss nicht wieso... irgendwie verband ich die drei sofort mit meinem Elend. Mit Yuri, die Tatsache, dass ich mich ihnen so geöffnet hatte, Fakt, dass ich durch diese Offenheit so verletzt worden war...

Maya sprang auf, als sie mich sah und setzte mich zu mir hin.

„Wir wollen heute Abend noch ins Kaffee. Kommst du mit?“, fragte sie freundlich und ich holte einmal leise Luft.

„Ich... tut mir leid. Ich habe keine Zeit.“ Ich öffnete meinen Turnsack und holte meine Turnhosen hervor. Ich sah, wie Maya einen besorgten Blick mit Agnes und Deborah austauschte.

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