Schön ist es nicht

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Obioma Nwokeabia beugte sich über den am Boden liegenden Hengsbach.

„Tausende Kreuze trägt er über den Tag

365 Tage im Jahr

12 Stunden zeichnen sein Gesicht

Es ist OK, aber schön ist es nicht"

Der Nachhilfeprofi drehte sich und leisem stöhnen langsam in die Bauchlage und stemmte sich dann vom Altstadtpflaster hoch.

„Sagt doch mal einer dem Bimbo, er soll aufhören zu singen."

Nwokeabia hatte auf der anderen Straßenseite Handzettel für Frau Wüllesheims Nachhilfeschule in die Briefkästen gesteckt, als er das Scheppern des umstürzenden Rades hörte. Schnell warf er die restlichen Werbebriefe in eine Mülltonne, überquerte die Schulstraße und beugte sich über den Gefallenen.

„Hey, trafik skurkar, so reden sie nicht mit einem människor!"

Sonja Maria Bergmann hatte sich aus ihrer Schockstarre gelöst und versuchte, in einem wilden Sprachenmix aus Deutsch und Schwedisch die Diskriminierung des Farbigen zu stoppen; aufgebracht schrie sie Hengstbach an: „Du har förmodligen inte förändrats under de senaste 60 åren, va?"

Adolf Heinrich Hengsbach, der mittlerweile aufgestanden war und Obioma Nwokeabia, der ihm dabei geholfen hatte, sahen die junge Schwedin überrascht an.

„Hallo? Kein Grund zu schreien. Der Bimbo soll nur endlich ruhig sein. Oder gefällt ihnen dieser kehlige Kralgesang?"

Zorn färbte Bergmanns hellen Teint zunächst zart rosa, jetzt aber bereits dunkel rot.

„Ihr Deutschen müsst auch jeden beleidigen, der nicht eure Hautfarbe hat, oder? Det är dumt. Ich bin auch Ausländerin, warum machst du mich denn nicht an?"

Hengsbach, immerhin einen Kopf größer als die aufgeregte Schwedin vor ihm, hob schützend die Hände vor seine Brust.

„Missverständnis" zwischte Obioma Nwokeabia, „Missförstånd - du förstår?"

Die Schwedin sah den Nigerianer erstaunt an.

„Talar du svenska?"

„Bimbo nix sprechen schwedisch, Bimbo sprechen in Deutschland deutsch. Du nicht?"

In Bergmanns Gesicht wich die dunkle Zornesröte.

„Natürlich", presse sie verlegen hervor und strich sich unsicher durchs Haar. „Natürlich spreche ich deutsch. Ich wollte nur nicht, dass dieser Mann da sie beleidigt."

„Ach", Obioma Nwokeabia winkte ab, „ ist nicht so schlimm, ist mein Freund."

Hengsbach streckte ihr den Arm entgegen

„Was bitte?"

Die Schwedin sah auf die ausgestreckte Hand des Unfallopfers, dann in sein Gesicht, in dem der dünne Blutstrom die Rinnrichtung geändert hatte und sich zwischenzeitlich am Kinn in grauen Bartstoppeln verlor.

„Ich dachte, ich reiche Ihnen die Hand und Sie würden sich entschuldigen?"

„Wie bitte?"

„Sie sind mir vors Rad gerannt."

„Was bitte?"

„Wegen Ihnen bin ich gestürzt. Da können sie sich doch mal entschuldigen!"

„Wie bitte?"

„Wie bitte? Was bitte? Haben sie in der Schule kein richtiges Deutsch gelernt? Das Gestammel hört sich ja an, wie wenn sie im Unterricht immer eingepennt sind."

„Als wären Sie."

Diesmal verstand Hengsbach nicht.

„... als wären Sie im Unterricht eingeschlafen, muss es heißen", half ihm Nwokeabia auf die Sprünge.

„Bimbo, du bist still, das müssen die Erwachsenen jetzt unter sich klären."

Hengsbach sah mit gespielter Strenge die blonde Schwedin noch einmal von unten bis oben an und dachte sich, dass auch ein so ein niederschlagender Zusammenstoß seine schönen Seiten haben kann.

A. H. Hengsbach und die Schatten des KriegesLies diese Geschichte KOSTENLOS!