Prolog

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Die roten Locken sind auf ihrem Kissen wie ein Fächer ausgebreitet und verströmen den Geruch von frisch gepflückten Rosen. Große katzengrüne Augen sehen sie an als sie sich zu dem Mädchen hinabbeugt und ihm einen Kuss auf die Stirn drückt.
„Ich liebe dich, mein Engel und ich werde es immer tun.", murmelt Annabel und streicht dem Mädchen ein letztes Mal über den Kopf.
In Gedanken hat sie sich längst von ihm getrennt, verabschiedet. Dem Mädchen, ihrer Schwester. Doch ihr Herz sagt etwas anderes.
„Das klingt wie ein Abschied.", jammert die Kleine und Tränen schimmern im Schein des vollen Mondes auf ihren Wangen.
„Wir werden uns wieder sehen, eines Tages. Das verspreche ich dir."
Im letzten Moment dreht sich Annabel um; verbirgt die Tränen, die ihr ebenso über die Wangen rinnen wie ihrer Schwester. Dann wendet sie sich vollends ab, drückt die Tür des kleinen Raumes auf und verschwindet in der Dunkelheit des Flures. Der Rucksack ist gepackt, der kleine Dolch an ihren Gürtel geschnallt und die letzten Abschiedsworte getan. Es ist so weit, denkt sie. Zeit aufzubrechen.
Annabel richtet sich auf, prüft ein letztes Mal, ob alles sitzt und schleicht dann durch die Küche, in der sie in ihrem bisherigen Leben so viel Zeit verbracht hatte. Schließlich erreicht sie die Doppeltür, die auf den Balkon führt, welcher einige Meter über dem breiten Strandgrundstück befestigt ist. Sie schwingt ihre Beine über die Brüstung und stößt sich mit einem letzten Seufzen und geschlossenen Augen ab. Der Wind rauscht an ihren Ohren vorbei und die Erdanziehungskraft übernimmt den Rest, als ihre Zehenspitzen mit einem Ruck auf den weichen Sand treffen und sie sich mit dem letzten Schwung des Falles abrollt.
Annabel klopft sich den Sand von ihrer schwarzen Kleidung, als sie wieder zum Stand kommt, prüft wieder die Sicherung des Dolches und kämpft sich anschließend aus der Düne frei, in die sie sich gerollt hatte. Endlich kann sie sich befreien, stapft einige Meter in Richtung des Wassers und biegt in einen Feldweg ein, der vom Strand weg und in eine andere Zukunft führt. In eine ungewisse - ja, wahrscheinlich auch gefährliche - Zukunft, aber auch in ein anderes Leben. Ein Leben ohne die Ängste, die sie seit Anbeginn ihres Vermächtnisses, des Vermächtnisses ihres wahren Blutes begleitet hatten.

Die SchattenwandlerinLies diese Geschichte KOSTENLOS!