Part 18

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Viktorias POV:

Wieder sammelten sich Tränen in meinen Augen. Meine Großmutter ... Ich drückte Harold Felia in die Hand und stürmte zu ihrem Haus. Die schwere Holztür öffnete sich mit einem lauten Knarzen und ich trat ein. Umhüllt von Decken lag meine Großmutter in ihrem Bett. »Großmutter«, flüsterte ich und strich ihr über den Arm. Müde öffnete sie die Augen und sah mich an. »Du bist wieder zurück.« Ein schwaches Lachen zog sich auf ihr Gesicht. »Ich bin so froh, dass du wieder hier bist.« Täuschte ich mich, oder hatte sie tatsächlich Tränen in den Augen. Als ich wieder das Knarzen der Tür hörte, sah ich meine Familie, die herein kam und sich um Großmutters Bett stellte. »Meine Tochter, gib mir-« Ihre Stimme brach. Sie war schwach. Sehr schwach. »Gib mir das Buch.« Meine Mutter schien zu verstehen und reichte ihr ein Buch aus einem Regal an der Wand. Dieses drückte mir dann meine Großmutter in die Hand. »Das ist das letzte, was ich dir geben kann. Ver-« Ein erschöpftes Schnaufen. »Versprich mir, da-dass du dich um unser Dorf kümmern wirst.« Eifrig nickte ich. Natürlich würde ich die nächste Heilerin unseres Dorfes werden. Dies war schließlich meine Bestimmung. Ich sah hinunter auf das Buch. Es war in Leder eingebunden. Wieder drückte ich die Hand von ihr. »Du wirst nicht sterben!«, versprach ich ihr, doch sie schüttelte nur den Kopf. »Meine Zeit ist abgelaufen, mein Kind.« Nein! Ich weigerte mich das zu akzeptieren, doch in diesem Moment schloss sie die Augen. »Führe mein Werk weiter«, flüsterte sie, bevor ihr Händedruck an meiner Hand schwach wurde. »Nein!«, schrie ich und legte den Kopf auf ihre Brust. »Nein! Du kannst jetzt nicht sterben! Ich brauche dich doch!«, schrie ich. Meine Tränen durchnässten ihr Nachtgewand und die Decken. Meine Mutter strich mir über den Rücken. Wie sollte ich jetzt ihren Posten übernehmen, wenn sie mich nichts mehr lehren konnte? Mein Bruder nahm mich in den Arm und ich weinte mich an seiner Schulter aus. »Wir müssen sie begraben«, sagte ich und trat aus dem Haus, um einen Spaten zu holen. Gerade wollte ich ansetzten, um die Erde auszuheben, als Ryan neben mir stand. »Lass, ich mach das schon!«, sagte er ruhig und nahm mir sanft den Spaten aus der Hand. Nach einer gefühlten Ewigkeit, die ich neben ihm stand, war er fertig und trug Großmutter zum Grab. Ich hatte noch schnell einen kleinen Blumenstrauß gepflügt und legte ihn nun auf das mit Erde bedecktem Grab von Großmutter. Uns allen liefen Tränen über die Wangen. Ryan schien der Stärkste von uns zu sein, denn er war derjenige, der uns alle tröstete. Nachdem wir noch ein Kreuz in die Erde gesteckt hatten, gingen wir zurück zu unserem Haus. Dann sah ich im Stadttor Harold stehen, allerdings ohne Felia. Ich wand meinen Blick von ihm ab und ging weiter mit meiner Familie. Ich wollte nicht wieder zu ihm. Nach nur wenigen Schritten stand er allerdings neben mir uns hielt mich am Arm. »Ich hatte dir gesagt, dass es nur ein kurzer Besuch sein würde«, erklärte, doch ich befreite mich aus seinem Griff. »Meine Großmutter ist tot. Wir haben sie eben begraben und du willst mich hier schon wieder wegziehen? Ich komme nicht mehr mit dir mit, Harold. Ich halte es bei dir nicht aus. Wegen dir ist Jacqueline tot und hättest du mich nicht auf dein Schloss gebracht, hätte ich meine Großmutter vielleicht noch gesund pflegen können. Wieder ist es nur deine Schuld«, schrie ich ihn an. Ich war so außer mir vor Wut. Bisher hatte er mir alles kaputt gemacht. »Hüte deine Zunge! Sie ist an Altersschwäche gestorben, da hättest auch du nichts dagegen tun können«, zischte er und nahm mich wieder am Arm. »Wir gehen«, verkündete er. »Nein, bitte nicht«, rief meine Mutter und kam auf uns zu. »Bitte, nehmt mir nicht noch einmal meine Tochter«, flehte sie. »Es tut mir leid Ma'am«, er zog mich an sich, »aber ihre Tochter gehört mir.« Und keine zwei Sekunden später waren wir wieder vor seinem Schloss.

Mit Felia im Arm saß ich in meinem Zimmer vor dem Kamin und starrte in die Flammen. Immer noch waren Tränen in meinen Augen und fielen auf meinen Schoß. Hinter mir wurde die Tür geöffnet und Harold kam herein. Er setzte sich neben mich, eine Schale in seiner Hand. »Mein Beileid, wegen deiner Großmutter«, sprach er leise. Ich nickte nur. Die Erinnerung an sie schmerzte in meinem Herzen. Fast mein ganzes Wissen hatte ich von ihr. Sie war immer für meinen Bruder und mich da. Immer. Sie war nicht einmal sauer, als Ryan ein Medizinfläschchen umgeworfen hatte und sie die ganze Nacht aufbleiben musste, um ein neues zu brauen. Sie war so ein herzensguter Mensch gewesen.

Harolds POV:

Hier saß ich nun neben Viktoria, der immer noch die Tränen über die Wangen liefen. Wir gerne hätte ich sie getröstet, oder den Arm um sie gelegte, doch ich befürchtete eine Zurückweisung. Und das wollte ich nicht. »Ich hab das Essen für Felia«, erklärte ich und füllte einen Löffel mit dem Brei. Sie nickte und ich begann die Kleine in ihren Armen zu füttern. Gierig aß sie alles auf und schlief danach ein. Ein kleines Lächeln breitete sich in Viktorias Gesicht aus als sie das kleine schlafende Mädchen in ihren Armen betrachtete.

Morgen würde der Ball sein und Viktoria hatte die verbliebenen Tage damit verbracht, dass Büfett herzurichten. Ich saß mit Felia in den Armen in meinem Arbeitszimmer und wiegte sie leicht hin und her. Ja, man konnte sagen, dass mir die Kleine ans Herz gewachsen ist. Obwohl ich gar kein Herz hatte. Ich legte die schlafende Felia in den Korb und verließ mein Arbeitszimmer. Ich lief in mein Gemach und holte ein dunkelblaues Kleid aus meinem Schrank, welches mit Edelsteinen besetzt war. Damit ging ich hinunter in die Küche, wo Viktoria müde am Küchentisch lehnte und ihren Kopf in ihre Arme gebettet hatte. Sanft strich ich durch ihr Haar, was sie aufschrecken ließ. Ihre Augen waren immer noch rot vom vielen Weinen und sie sah müde aus. Wahrscheinlich fand sie in den letzten Tagen nicht viel Schlaf. »Ich möchte, dass du meine Ballbegleitung bist«, erklärte ich ihr, was sie dazu veranlasste, ihre Augen weit aufzureißen. »Was?«, fragte sie entsetzt und striech sich die Haare aus der Stirn. »Ich möchte, dass du meine Begleitung auf dem Ball bist.«

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