Der Zahn des Führers

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Sonja Maria Bergmann lenke ihren Käfer, Baujahr 1968, in die letzte freie Parkbucht, die sie an der Altstadt-Umfahrung fand. Erst gestern hatte dem Gast aus Schweden ein freundlicher Mitarbeiter der Hattinger Stadtverwaltung gesteckt, wie sie, ohne einen Parkschein zu ziehen und ohne ein Knöllchen zu kassieren, kostenlos ihren Wagen hier abstellen konnte: Der kleine Aufkleber mit dem Stadtwappen, ganz unauffällig an der Frontscheibe oben links platziert, war ihr Freiparkschein. Hier in der Stadt machten das viele so.

Die Besucherin ging durch eines der mittelalterlichen Stadttore, das Ruhrbesetzung, zwei Weltkriege und den Sanierungswahn der späten 60er Jahre überlebt hatte. Gleich linker Hand hinter der Stadtmauer stand das Fachwerkhaus der alteingesessenen Goldschmiedsfamilie Niemand, an dem Bergmann klingelte - zweimal kurz, einmal lang, so war es telefonisch vereinbart worden. Trotz des vereinbarten Erkennungszeichens schnurrte es durch die Gegensprechanlage: „Wer da?"

„Sonja Berghmann aus Uppsala." Und nach einer Pause: „Wir waren verabredet!"

Der Türsummer gab dem Druck der zarten Person nach und sie stieg die schmale Treppe zur ersten Etage hinauf. Dort, in einem schmalen, düsteren Flur, fesselten zahlreiche Glasvitrinen die Aufmerksamkeit der 32jährige: Mit kleinen Lämpchen illuminiert und säuberlich beschriftet, fanden sich in acht gläsernen Schreinen zahlreiche Reliquien, deren Halbwertszeit vor über 60 Jahren abgelaufen war.

„Sind sie nicht schön?" fragte eine alte Dame, die Bergmann aus dem Wohnzimmer am Ende des Ganges entgegen ging. Ein silberner Stock mit einem elfenbeinfarbenen Knauf, um den sich die knöchernen Finger der Hausherrin schlangen, war ständiger Begleiter der 94jährigen, die den Besuch aus Schweden an diesem Donnerstag zum Tee geladen hatte.

„Woher haben sie das alles, gnädige Frau?"

„Mein seliger Mann hat sie aus aller Herren Länder heim zu uns ins Reich geholt. Es sind wirklich einmalige Relikte. Sehen sie nur hier..."

Sie wies mit der Linken auf einen übergroßen, silbernen Teller, der von einer Gabel und einem Fischmesser gerahmt an der Vitrinenrückseite montiert war.

„Hiervon hat unser Herr gegessen - bis zu seinem Ende!"

Bergmann holte ihr Handy aus der schmalen Handtasche und präparierte die eingebaute Kamera.

„Ist es gestattet?"

Die Hausherrin nickte voller Stolz.

„Meinem Mann wäre es eine Ehre!"

Sonja Bergmann fotografierte das Ensemble von allen Seiten, änderte den Modus der Kamera in Nahaufnahme und machte auch eine Aufnahme der Beschriftung: „Von diesem Teller speiste der Führer und Reichskanzler in den Jahren 1933 bis 1940 bei seinen Aufenthalten in Bayreuth."

Ein „Beeindruckend" konnte sich Bergmann gerade noch so abringen und trat einen Schritt zur Seite. In der zweiten Vitrine konnte sie jenen schwarzen Füllhalter fotografieren, mit dem sich Adolf Hitler bei seinen offiziellen Besuchen hier in der Stadt in ihr goldenes Buch eingetragen hatte. Es folgten, ebenfalls hinter Glas inszeniert, Hausschuhe und Rasiercremedose, eine glaslose Brille und ein zersplitterter Handspiegel, eine silberne Bettpfanne, ein Stapel schwarzer Schreibhefte, die von goldenen Schnüren und roten Siegeln zusammengefasst waren und als „Tagebücher unseres Führers" beschriftet waren, ein auf Holzlatten gespannter grüner Samtfetzen, zu dem Amalie Niemand ihrem Gast versicherte, er sei Originalstoff vom Sterbesofa des Führers in seinem Berliner Bunker und in der letzten Vitrine auf rotem Stoff ein fahlweißer Zahn.

„Auch - von ihm?" fragte der Gast.

Die Gastgeberin nickte.

„Heute wissen ja viele Menschen gar nicht mehr, dass unser Führer einen falschen Schneidezahn hatte. Liebste, mein Mann hatte als Lehrling im Betrieb seines Vaters gearbeitet, als 1926 Dr. Goebbels kam und einen Goldzahn für den Führer bestellte."

A. H. Hengsbach und die Schatten des KriegesLies diese Geschichte KOSTENLOS!