Ostwind

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Eisiger Ostwind pfiff über den verschneiten Marktplatz und Heinrich Stegmann, der „Mann fürs Grobe" im Rathaus, musste sich seine Finger warm reiben, bevor er die blau-gelbe Stadtfahne und die dreigestreifte Deutschlandfahne an den Masten vor dem Haupteingang der Stadtverwaltung hochziehen konnte.


Die Uhr im oberen Drittel des klassizistischen Turmes zeigte 9 Uhr. Drinnen im Rathaus begannen die Vorbereitungen für einen ganz besonderen Festakt, zu dem bereits am Vormittag Weygänder Wacholder-Branntwein, Butterbrezeln und eine heimische Spezialität aus Buchweizenmehl und Blutwurstbrät, der Hattinger Panhas, gereich werden sollten.


Im gut geheizten Büro des Bürgermeisters riss dessen Sekretärin, Marlies „Lieschen" Vonderkamp, gut gelaunt das Kalenderblatt ab und studierte den Sinnspruch für diesen Donnerstag: „Je tiefer der Schnee, umso höher der Klee." Der Kalender auf dem wuchtigen Schreibtisch zeigte das Datum vom 22. Dezember 1955 und die Ruhrstadt erwartete heute ihren letzten Kriegsheimkehrer.


Zwei Stunden später rollte ein 49er Buckeltaunus in die Haltebucht vor dem Rathaus. Es war die gleiche viertürige Limousine, die zehn Tage zuvor Gustav Lurch im Auftrag des Bürgermeisters aus dem Lager Friedland bei Göttingen abgeholt hatte. Zwanzig, vielleicht sogar dreißig Männer und Frauen umringten trotz der Kälte an diesem Morgen euphorisch den städtischen Dienstwagen und wollten einen Blick auf jenen Mann werfen, den die Heimatzeitung bereits seit Wochen als den letzten Helden eines verloren Krieges feierte.


Eingehüllt in einen blauen Mantel mit Kunstfellkragen, der elegant über den wadenlangen Rock, ihre eng anliegende Bluse aus Kunstseide und den von einem Mieder betonten Busen fiel, beobachtete Lieschen Vonderkamp von dem kleinen Balkon des Sitzungssaales, wie ihr Chef, Bürgermeister Otto Rattzer, den Heimkehrer im Kreis der Jubelnden begrüßte. Heinrich „Harry" Sähmann, Fotoreporter der Tageszeitung „Heimat am Mittag", stand schon seit einer viertel Stunde frierend neben Lieschen, machte nun von oben schnell ein Bild der Menschentraube, die sich langsam zur Rathaustreppe bewegte, und war dann auch schon wieder im Saal verschwunden. Der kalte Weygänder und die verführerisch duftende Pfanne mit heißem Panhas lockten ihn mehr als das Spektakel um den jüngsten Bruder seines Vorgesetzten, des Lokalredaktionschefs Benno Lurch.


Seit über fünf Jahren hatte Lurch monatlich über das Nachkriegsschicksal seines jüngeren Bruders Gustav berichtet, der seit 1945 im Speziallager Nr. 3 des Volkskommissariats für innere Angelegenheiten der sowjetischen Besatzung in Bautzen inhaftiert war. Jetzt, da der nunmehr 32jährige nach zehn Jahren Haft aufgrund eines Amnestie-Erlasses der sowjetischen Regierung aus Bautzen entlassen worden war, untertitelte Lurchi am Nachmittag Sähmanns Fotoaufmacher der Freitagszeitung mit „Möge er langsam das Drangsal seiner Leidensjahre vergessen: Der letzter Kriegsheimkehrer unserer Heimatstadt Hattingen, der mit 22 Lenzen von den Russen zu Unrecht internierte Polizeibeamte Gustav Lurch, hat in den Kreis seiner Lieben zurückgefunden." Weiter im Text berichtete die „Heimat am Mittag" dann vom offiziellen Empfang im Rathaus: „Bürgermeister Rattzer und weitere Vertreter der Stadt hießen ihn herzlich willkommen und wünschten ihm alles Gute. Neben den vielen Glückwünschen zur Heimkehr erhielt auch Lurch das obligate Geschenk; einen Frühstückskorb." Was für ein Tag für Gustav Lurch – endlich in Freiheit, endlich wieder daheim.


A. H. Hengsbach und die Schatten des KriegesLies diese Geschichte KOSTENLOS!