1. Dezember - Vorgeschichte

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Wer in der Vergangenheit schwelgt und von der Zukunft träumt, verpasst die Chance der Gegenwart. (Seibold, Klaus)


Das hier ist meine Lebensgeschichte. Es geht nicht darum, dass ich mich in irgendeinen reichen Typen verliebt, ihn geheiratet und viele Kinder bekommen habe, oder darum, dass ich wie Cinderella war und irgendwann meinen Traumprinzen fand oder ich irgendeine magische Fähigkeit hatte und die Welt retten musste. Nein, ich war ein ganz normaler Mensch, hatte mich bis jetzt nur wenig Jungs interessiert, wohnte im Kinderheim und war fünfzehn Jahre alt. Ich ging in die neunte Klasse, besuchte ein Gymnasium und hatte drei Freundinnen, mit denen ich meine freie Zeit verbrachte. Und nein. Die Besitzerin des Kinderheims behandelte mich auch nicht wie eine Sklavin oder anderweitig schlecht. Mein Leben war also ganz normal. Bis auf meinen Job. Ich beginne am besten beim Anfang. Da, wo alles begann.

Damals war ich gerade vierzehn geworden.

Ich war gerade einkaufen für Margarete. Sie war die Leiterin des Kinderheims, in dem ich wohnte und hatte mich gebeten, den Einkauf zu erledigen. Ich hatte natürlich zugesagt. Ich tat meistens das, was sie sagte, weil ich sie wirklich gerne hatte. Ich hatte mich aber außerdem auch sehr gelangweilt. Sonst hätte ich vielleicht ein Buch gelesen oder mit dem kleinen Nachwuchs von Margarete gespielt. Aber ich bereute danach nicht, dass ich einkaufen gegangen war.
Denn dort begann meine Karriere, mein Glück, mein Leben und auch der Rest, der mich glücklich machte.
Als ich gerade bei der Kasse stand, drängelte sich ein Mann vor. Er war in etwa vierzig und hatte einen teuren Anzug an.

Und nein, ich verliebte mich nicht in ihn!

Ich sagte empört: ,,Hey, was soll das?! Ich stand hier zuerst an!" Ich war zuerst da gewesen! Und nur weil dieser Typ einen Anzug trug und sich für besonders cool hielt, dachte er, dass er vordrängeln durfte! Ich hatte es noch dazu ziemlich eilig. Margarete wartete draußen in ihrem Auto auf mich. Sie hatte bereits ihre Einkäufe bezahlt.

Er drehte sich um und sagte: ,,Oh, es tut mir ehrlich leid, aber ich bin wirklich in Eile."

Ich überlegte kurz und sah, dass die Kassiererin schon entnervt wartete. ,,Oh, ja das kann ich verstehen. Wenn sie wollen, können sie gerne vor. Wie sie sehen, werde ich ja ein bisschen mehr Zeit brauchen."
Ich hatte natürlich für das ganze Kinderheim eingekauft. Für Frühstück, Mittagessen, Abendessen die ganzen Zutaten und ein paar Snacks. Und das für knapp dreißig Kinder. Das war viel. Und es dauerte lange, alles herauszusuchen und zu bezahlen. Außerdem musste es noch zum Auto gebracht werden und vom Auto ins Kinderheim. Und was man pro Woche so brauchte, waren drei gestapelt volle Einkaufswägen. Mal das ganze Trinken ausgenommen.

,,Oh, das ist wirklich sehr freundlich von Ihnen. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich wirklich gerne vor." Er musterte mich und zögerte, als würde er überlegen. ,,Haben Sie vielleicht Interesse an einem Job? Sie haben eine gute Figur und wir brauchen Nachwuchs."

Völlig überrumpelt fragte ich: ,,Nachwuchs wofür? "

,,Für unsere Agentur für Models. Also Laufsteg oder Fotoshootings. Das kann man sich aber aussuchen. Also als Model."

Ich musste erst überlegen, bis ich wusste, welches große, einmalige Angebot er mir da machte. Noch immer wusste ich nicht, ob der Mann vor mir scherzte. Wobei, dafür sah er zu alt aus. Ich überlegte weiterhin, bis mir auffiel, dass er auf eine Antwort wartete. Wollte ich das wirklich? Ich wusste, dass ich eine gute Figur hatte, aber dennoch war ich noch zu jung. Meiner Meinung nach zumindest.
Aber es konnte ja nicht schaden, eine Visitenkarte zu verlangen, oder?

,,Vielleicht wäre es besser, wenn ich mir das nochmal überlegen könnte. Haben sie vielleicht eine Visitenkarte?"

,,Ja natürlich. Warten Sie hier! Ich würde mich wirklich freuen, wenn Sie mal vorbei schauen würden." Dann musste er bezahlen. Als er fertig war, verabschiedete er sich noch freundlich.
Dann verließ er das Einkaufszentrum und ich fuhr - natürlich nachdem ich bezahlt hatte - mit Margarete nach Hause. Also ins Kinderheim.


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