song für's chapter: WE ARE WAVES - BEAT!BEAT!BEAT!
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Dreylis Winters POV:

"Dreylis, was machst du bloß mit mir?" Felix Worte trafen mich hier auf dieser Alm, vollkommen alleine und schutzlos, komplett unerwartet. Gerade hatte ich mit den anderen Schülern zusammen den Abstieg antreten wollen, als Felix auf mich zu kam und mir so den Weg zur Tür versperrte.

Ich wollte nicht mit ihm reden. Ich wollte ihn nicht mal sehen. Nicht nachdem, was er gestern zu der Englischlehrerin gesagt hatte. Nicht nachdem, was ich heute Morgen vor dem Frühstück mitbekommen hatte. Wie er sie mit Vornamen angeredet hatte, wie vertraut sie sich gewesen waren. Ich hatte das alles zuerst für einen schlechten Scherz gehalten, bis ich ihre Blicke gesehen hatte. Da war definitiv etwas zwischen den beiden.

Schweigend verdrehte ich meine Augen und betrachtete ihn abwartend. Seine Worte ergaben für mich keinen Sinn und obwohl ich es wirklich gerne erfahren würde, tat ich so, als würde mich deren Bedeutung auch nicht interessieren. Wir schauten uns einen Moment tief in die Augen, bis er den Blick unterbrach und sich mit einer schnellen Bewegung durch seine Haare fuhr.

"Okay, was ist los?", begann er und trat noch einen Schritt weiter auf mich zu, "ich habe dir gestern mehrmals geschrieben und du hast mir nicht geantwortet."

"Hab's nicht gelesen." Schwache Ausrede.

Felix Augenbraue hob sich und sein Gesichtsausdruck wurde trauriger. Leise sagte er: "Bitte sei ehrlich."

"Du willst, dass ich ehrlich bin? Das sagt ja genau der Richtige." Meine Stimme war lauter, als ich beabsichtigt hatte. Aber das war mir egal, uns hörte hier sowieso niemand und Felix konnte meine Wut ruhig erfahren. Um meinen Worten Ausdruck zu verleihen, stemmte ich meine Hände in die Hüften und funkelte ihn an. Obwohl er deutlich größer war als ich, kam es mir so vor, als würde ich von oben auf ihn herabschauen.

"Wann war ich denn mal nicht ehrlich?", warf er mir mit lauter Stimme vor. Dann atmete er ein paar Mal tief durch und fügte hinzu: "Dreylis, ich war immer ehrlich zu dir. Immer."

"Taten wiegen aber schwerer als Worte", meinte ich kalt und drängelte mich an ihm vorbei zur Tür. Ich wollte jetzt weg von ihm, weg von seinen Worten, die mich sowieso nur verletzen würden. Er war ein Lügner, der mich an wunderschöne Orte geführt und mir erzählt hatte, wie toll er mich fand, während er hinter meinem Rücken etwas mit einer anderen Frau angefangen hatte. Eine Frau, die in seinem Alter war und den gleichen Beruf wie er ausübte. Das alles konnte ich ihm nicht bieten.

Schnellen Schrittes lief ich aus dem Haus und folgte dem Weg, der den Berg hinunter führte. Ohne auf meine Umgebung zu achten, lief ich weiter vorwärts, einfach immer geradeaus. Schon wieder fühlte ich mich an den Abend von Hannahs Geburtstagsparty erinnert. Nur diesmal folgte mir Felix und blieb nicht wie Jonas einfach zurück.

"Drey!", rief Felix hinter mir. Ich konnte seine Schritte hören, die mir auf Schritt und Tritt folgten, und beschleunigte mein Tempo nochmals. Doch dies brachte nichts, denn wenige Momente später lief Felix neben mir her und passte seine Schritte meinen an. "Was meintest du eben damit?"

Seufzend blieb ich stehen, während er noch ein paar Schritte weiter lief, bis auch er stockte und sich zu mir umdrehte. Dank des Berges war ich nun tatsächlich größer als er. Ohne meine Gedanken vorher zu sammeln sprudelte es aus mir heraus: "Du hast gestern so vertraut mit ihr geredet und du warst einfach so nett zu ihr und... Weißt du, wenn dir unsere Beziehung, wenn man es überhaupt so nennen kann, peinlich ist, dann mach doch einfach Schluss, man. Und wie sie dich heute angeschaut hat... Alter, ich könnt kotzen."

Ich vernahm nur noch seinen wirren Blick, als ich erneut an ihm vorbei lief. Hinter mir ertönte seine verzweifelte Stimme: "Drey, jetzt warte doch mal!" Doch ich hörte nicht auf ihn, sondern lief trotzig weiter. Er würde mir sowieso wieder nachlaufen.

Tatsächlich tauchte er einen Moment später neben mir auf und meinte: "Können wir nicht einmal normal wie zwei erwachsene Menschen darüber reden? Ich wette, das ist alles ein Miss-"

"Nein, können wir nicht. Ich möchte überhaupt nicht mehr darüber reden", unterbrach ich ihn kalt. Ich wollte seine Ausreden und Lügen nicht mehr hören. Von solchen Typen hatte ich genug.

Von Seiten Felix' vernahm ich ein tiefes Seufzen, jedoch startete er zum Glück keinen erneuten Versuch, mit mir zu reden. Stattdessen liefen wir schweigend nebeneinander den Berg hinunter. Die Situation war mehr als unangenehm, wir wir hier zu zweit den Berg hinab stiegen und unsere Gruppe komplett aus den Augen verloren hatten.

Es vergingen Minuten, irgendwann Stunden, in denen wir kein Wort und keinen Blick gewechselt hatten. Wir waren einfach schnurstracks geradeaus gelaufen, auch wenn ich für meinen Teil keine Ahnung hatte, wo wir uns befanden. Aber Felix würde sich als Aufsichtsperson hier schon auskennen.

Nach einer Weile verdunkelte sich der Himmel leicht und der beginnende Sonnenuntergang ließ pinke und orange Töne erscheinen. Nicht mehr lange, dann würde die Sonne hinter den Bergen untergehen und der Himmel wäre von einem tiefen Schwarz überzogen. Dann würden wir weder den Weg vor uns, noch die Hand vor unserem Auge erkennen können. So langsam hatte ich das Gefühl, dass Felix auch nicht wusste, wo wir uns befanden, da wir normalerweise schon längst hätten da sein müssen.

Irgendwann vernahm ich seine flüsternde Stimme von rechts: "Ach, scheiße." Mit hochgezogenen Augenbrauen blickte ich zu ihm und zum ersten Mal, seitdem ich meine klaren Worte ausgesprochen hatte, traf sich unser Blick. "Ich weiß, ich soll nicht reden, aber ich glaube, wir haben uns verlaufen."

"Das ist jetzt nicht dein fucking Ernst, oder?" Frustriert lege ich mir meine Fingerspitzen an die Schläfen, um diese ein bisschen zu massieren. Ich hatte heute definitiv genug Stress erlebt und wollte einfach nur noch zurück in die Jugendherberge und mich in das Bett fallen lassen.

Gemeinsam blieben wir stehen und schauten uns um. Wir waren schon fast den gesamten Berg hinunter gelaufen, aber die Frage war auch nicht, wie wir zum Fuße des Bergs kamen, sondern wie wir zur Jugendherberge kamen, die sich auf einer niedrigen Höhe des Berges, aber viel weiter auf der linken Seite befand. Nur wo genau das war schienen wir beide nicht zu wissen. Super.

Die gesamte rechte Seite des kleinen Weges, dem wir bisher durchgängig gefolgt waren, bestand aus dunklen Fichtenwäldern, in die ich - besonders bei Nacht - keinen einzigen Schritt tuen würde. Auch auf der linken Seite befanden sich vereinzelt Laubwälder, aber größtenteils bestand die Landschaft nur aus ein paar Hügeln und Vertiefungen. Doch von der inzwischen vertrauten Jugendherberge war weit und breit nichts zu sehen.

"Schau mal, da!", meinte Felix plötzlich. Seiner Stimme konnte man den Enthusiasmus anhören. Ich folgte seiner Geste und entdeckte in ein paar hundert Metern Entfernung eine kleine Hütte bestehend aus Holzlatten. Verwirrt blickte ich zu ihm, wobei ich feststellte, wie dämmerig es inzwischen geworden war, da ich seinen Gesichtsausdruck nun schwieriger erkennen konnte.

"Es wir bald dunkel und dort können wir wenigstens die Nacht verbringen." In seiner Stimme schwang ein Gefühl mit, welches ich nicht richtig bestimmen konnte. Erschöpfung. Oder doch Aufregung? Felix lief an mir vorbei in Richtung der von Moos überzogenen Hütte und bevor ich richtig darüber nachgedacht hatte, folgten meine Beine ihm. Denn nachts alleine wollte ich hier definitiv nicht bleiben und wie es schien, war Felix meine einzige helfende Hand.

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