Prolog

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Mein Lichtfenster an der Decke. Schatten von Ästen bewegen sich. Hin und her. 

Der Wind bringt sie in Schwung.

Ich liege ausgestreckt auf der weißen Matratze. Zumindest war sie einmal weiß. Jetzt ist sie eher grau und mit Rissen überseht. Durch die Ritzen blitzt weißes Material hervor. 


Wer weiß, wieso die Matratze so schäbig aussieht. Es erinnert mich an Matratzen, die in Verstecken von heimatlosen Drogensüchtigen, Alkoholsüchtigen und Punks liegen. Laut Büchern und Fernsehen.


Es kitzelt mich am rechten Fuß. Ich lasse mich ablenken. Hebe meinen Kopf, damit ich sehen kann, was dort ist. Auf der nackten, durch Schmutz angeschwärzten Haut ist ein schwarzer, länglicher Punkt. Er bewegt sich!

Ich kneife die Augen zusammen. Hebe meinen Kopf etwas weiter. Das ist...das ist...! Mein Nacken schmerzt brennend. Ein Käfer! Ein schwarzer Käfer!! 


Aber es ist schon okay. Ich schüttele meinen Fuß. Einmal. Zweimal. Mit einen scheppernden Geräusch fällt das Insekt zu Boden. Das Geräusch erinnert mich an einen leichten Schlag auf meine Computertastatur. Die jetzt bestimmt zuhause in meinem Zimmer steht. Unberührt. Auf meinem immer etwas zugemüllten Schreibtisch. Verlassen. Ohne mich. Wie lange eigentlich schon? Wochen? Monate? 


Käfer machen mir nichts aus. Nicht mehr. Damals vielleicht. Aber mittlerweile nicht mehr. Sie sind doch sowieso die einzigen, die meine Gesellschaft suchen. Also die einzigen, die mir nichts machen. Mir nichts Böses wollen. Vielleicht gibt es da noch die ein oder andere harmlose Spinne...


Ich senke meinen Kopf wieder und wende mich meinem Lichtfenster zu.

Die Äste bewegen sich. Hin und her. Ich beobachte das Spiel gebannt. Schöner, als alles andere, was ich tagtäglich sehe. Ich muss diese Zeit auskosten. Das Hier und Jetzt.Die Minuten verstreichen. Viel zu schnell.  Langsam verblasst das Lichtfenster. Das Spiel der Äste verlässt mich.  Mein Spiel der Äste verlässt mich.  "Nein, geh nicht!", will ich sagen. Doch das hätte sowieso keinen Sinn.


Der Raum wird dunkler. So etwas wie ein elektrisches Licht oder eine Kerze habe ich nicht.  Advena hat mir alles genommen was ich hatte. Meine Mundwinkel zittern leicht,  als ich daran denke.  Es ist alles so grausam. So einsam. Ich will nicht mehr. 


Der Abend beginnt. Es ist bald wieder soweit. Gleich. Ich warte auf das vertraute Schlurfen. Lausche. Ich höre ein Kratzen. Ein Wimmern. Vertraute Geräusche. Wahrscheinlich von einem der Nebenräume. Ich stelle mir vor, dass es hier viele solcher Räume gibt. Viele Kopien meines Raumes. Vielleicht ist dieser Raum hier auch nicht das Original. Ich weiß es nicht. 


Die gleiche triste, graue Wand. Abgeblätterte Farbe. Unten, wo normalerweise eine Fußleiste wäre, sammelt sich der Staub. Ein Betonboden, der schon Risse in sich trägt. War es ein Erdbeben, das dies auslöste? Keine Ahnung. Doch eins weiß ich. Ich bin in diesem Raum schon eine gefühlte Ewigkeit. Und ich werde hier nicht so schnell herauskommen. Nicht lebendig. 


Wenn ich mir vorstellte, dass ich nicht allein dieses Schicksal erleiden muss, ist das irgendwie ein Trost. Es ist doch irgendwie beruhigend. Advena hat es nicht nur auf mich abgesehen. Hier sind viele Opfer. Nicht nur ich alleine. Aber wieso? Wieso sind wir hier? Was haben wir getan? Waren wir böse? Wieso lässt Gott das geschehen? Ich frage mich das jeden Tag. Denn ich habe jetzt genügend Zeit zum Nachdenken. Zwischen den Besuchen von Advena.

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