ZWEI.

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„Noch eineeeen!", rief Tamara zum ungefähr zwölften Mal und die beiden Kerle neben ihr lachten grölend, während der eine ihr mit seiner riesengroßen Hand an den Hintern langte.

Ich verdrehte die Augen und drehte ihnen den Rücken zu. So ging das inzwischen schon die letzten anderthalb Stunden.

Tamara hing mit zwei Kerlen, die sie angesprochen hatten, an der Bar, während ich daneben stand und mir nur noch darüber den Kopf zerbrach, wie Farid und ich das Geld besorgen konnten.

Scheiße, verdammte.

Ich wusste, dass wir nicht mehr viel Zeit hatten. Eigentlich hatten wir überhaupt keine Zeit mehr. Rocky hatte zwar Montag als Deadline gesagt, aber wenn wir es nicht Sonntag brachten, waren wir tot.

Und das meine ich wörtlich.

Mausetot. Irgendwo in der Ecke eines Hinterhofes vergammelnd. Oder in einem U-Bahn-Schacht, das gehörte auch zu seinen Favoriten.

Während ich mich mit den Ellbogen rücklings auf der Theke abstützte, sah ich mich ein wenig um. Wir wollten schließlich heute eigentlich shoppen gehen, wie Tamara es immer so schön nannte.

Aber dazu war es eigentlich noch fast zu früh. Die Leute waren noch nicht betrunken genug, man konnte ihnen die Geldbeutel und Handtaschen noch nicht klauen. Ab halb drei wurde es meistens ein Kinderspiel. Sie passten alle nicht mehr gut genug auf und – schwupp – da hatte man sich auch schon die Gucci-Handtasche mit dem iPhone 6 Plus und dem Geldbeutel samt Kreditkarten und so weiter geschnappt.

Es war ein Leichtes, sich auf diese Weise ein wenig Geld zu holen. Eigentlich schon fast lachhaft leicht.

Nur leider war es erst kurz vor eins, also musste ich die Zeit jetzt hier noch totschlagen.

Ich seufzte genervt und zog die Stirn in Falten.

„Willste 'nen Drink, Süße?", ertönte eine lallende Stimme neben mir.

„Nein, danke", erwiderte ich, ohne mich zu dem Kerl zu drehen. Sofort landete seine Pranke auf meinem Hintern.

„Kommmmmschooonnnn!!"

„Lass deine Griffel bei dir!", zischte ich ihn an und funkelte ihn aus meinen hellen, blauen Augen an. Sie stachen eh aus meinem Gesicht heraus und ließen mich ein wenig irre wirken, sagte Tamara immer, um mich aufzuziehen. Wenn ich jemanden dann auch noch so ansah, musste ich doppelt irre rüberkommen.

War mir nur recht so.

Der Kerl (übrigens fett, hässlich und ungefähr Mitte 30) zog seine Hände blitzschnell weg und entfernte sich perplex von mir.

Na, geht doch.

Ich drehte mich wieder in Richtung Tanzfläche und konnte jetzt genau sehen, wie sich Rocky an ein Mädchen ranmachte.

An sich war das nichts Neues, nur erregte das meine Aufmerksamkeit, denn das Mädchen war eindeutig eigentlich nicht Rockys Fall.

Absolut überhaupt nicht.

Und genau deswegen blieb mein Blick auch an dieser Szene hängen.

Denn sie war bildschön.

So richtig, richtig wunderschön, dass es einem erst einmal den Atem verschlug, wenn man sie anblickte.

Und sie war die Unschuld in Person, das konnte ich sogar auf diese Entfernung sehen. Sie war eines von den Mädchen aus Brooklyn oder Manhattan, die behütet aufgewachsen waren und die Welt draußen nicht kannten. Jetzt war sie wohl eines der ersten Male in einem Club und wurde mit dem echten, beschissenen, realen Leben konfrontiert.

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