EINS.

20.7K 1.3K 87

Grummelnd öffnete ich die Augen einen Spalt breit, als mich jemand grob mit dem Schuh in die Seite stupste.

„Laureen! Jetzt komm endlich!"

„Pssst, nicht so laut! Ist ja okay", gab ich genervt wispernd zurück. Ich rollte mich herum und blinzelte einmal. Böse funkelte ich Tamara hinterher, die mir schon wieder den Rücken zugedreht hatte und mit wippenden Haaren wegging. In der Dunkelheit konnte ich sie kaum noch erkennen, aber ich wusste ja, wo sie hinging.

Ich erhob mich von der dünnen, schmutzigen Matratze, die hier in der leer stehenden, schmutzigen Lagerhalle auf dem Boden lag.

Jamie schlief schon fast. Also gab ich ihm nur einen Kuss auf die Wange und murmelte ein „Gute Nacht, Spatz" und drehte ihm dann den Rücken zu.

„Lo?" Seine dünne, hohe Stimme erklang hinter mir und mir fuhr ein Schauer über den Rücken.

Langsam drehte ich mich wieder zu ihm um.

„Ja?", fragte ich und zwang mir ein kleines Lächeln ins Gesicht.

„Was macht ihr heute?", fragte er und sah mich mit seinen großen Augen an.

Ich zuckte mit den Schultern. „Wir gehen nur ein wenig feiern. Wenn du aufwachst, bin ich wieder da", versprach ich ihm und verließ dann den kleinen, mit Pappwänden improvisierten Raum, bevor er noch einmal etwas erwidern konnte.

„Na, geht doch, ich dachte schon, du bewegst deinen Knackarsch nie hier rüber!"

Ich sah in Tamaras grinsendes Gesicht und verdrehte die Augen.

„Jetzt komm, sonst macht Rocky uns das Leben zur Hölle!" Mit diesen Worten zog sie mich am Ärmel meiner schwarzen Strickjacke mit sich.

Als sie Rockys Namen nannte, zog sich mein Magen schmerzhaft zusammen und mein Herz setzte einen Schlag aus. Ich stolperte über meine eigenen Füße und wäre beinahe die schmutzige Betontreppe hinuntergefallen, die ich Tamara gerade hinunter ins Erdgeschoss folgte.

Verdammt, Tamara hatte Recht, er würde heute wieder da sein... Scheiße.

Scheiße, Farid und ich hatten das Geld noch nicht beschafft. Rocky wird mir die Hölle heiß machen...

„Hast du eigentlich die Knete schon?", fragte Tamara, als hätte sie meine Gedanken gehört, und hakte sich bei mir ein, während wir durch die dunklen, abgefuckten Gassen zur U-Bahn-Station liefen.

„Ne...", murmelte ich und starrte hinunter auf meine ausgelatschten, zerfledderten Converse.

„Oh... fuck...", kam genauso leise von Tamara zurück und ich spürte, wie sich ihr Körper versteifte.

„Ich kriege das schon hin", sagte ich zuversichtlich und meinte das auch so. Vielleicht würde es jetzt erst einmal unangenehm werden, aber Rocky würde sich schon wieder einkriegen.

Okay, um es auf den Punkt zu bringen: Wir waren Mitglieder einer Straßengang aus den Tiefen New Yorks. Rockys Gang, um genau zu sein. Damals, als ich mit Jamie aus dem Waisenhaus abgehauen war, hatten wir erst ein paar Tage unter einer Brücke geschlafen, bis uns Rocky aufgegabelt hatte. Ich bin ihm damals einfach nur dankbar gewesen, dass er uns Hilfe anbot, weswegen ich sofort bei ihm in der Gang eingestiegen bin.

Nur war es dort manchmal alles andere als lustig.

Rocky war knallhart und ein Arschloch.

Anfangs war ich so etwas wie seine Freundin gewesen, aber irgendwann verlor er Gott sei Dank das Interesse an mir und holte sich jeden Abend eine andere ins Bett. So wie er das eigentlich schon immer getan hatte, wie Tamara mir erzählt hatte.

Worlds CollideLies diese Geschichte KOSTENLOS!