Immer wieder fiel mir ein Ohrstöpsel aus dem Ohr und ich war mehr als frustriert, da ich mit dem Koffer in der einen und meinem Handy in der anderen keine weitere frei hatte, um dieses Problem zu beheben. Dabei wollte ich den vollen Klang von 5 Seconds of Summer und nicht nur die Hälfte. Aber was solls. Ich wollte jetzt auch nicht wie ein Idiot versuchen, mir den Stöpsel wieder ins Ohr zu manövrieren. Das würde nämlich nur nach hinten losgehen und an einem großen nationalen Flughafen war das jetzt nicht unbedingt meine Intention. Zugegeben, keiner kannte mich hier. Ich war vollkommen fremd und zum ersten Mal in meinem Leben fühlte sich das gar nicht so schlecht an. Ich war es eigentlich immer gewohnt, alles und jeden um mich herum zu kennen. Ich kam jetzt nicht so gut mit Veränderungen klar.. sie haben mir wirklich Angst gemacht. Umso überraschter waren meine Eltern als ich ihnen gesagt habe, dass ich ein Jahr nach Amerika gehe. Ihnen sind fast die Augen aus dem Kopf gefallen. Sie haben sich aller 5 Minuten versichert, dass ich mir der Entscheidung auch wirklich bewusst bin. Ich könne nicht einen Tag später einfach wieder nach Hause.. ich habe dort auch Verantwortungen. Und das war mir völlig klar. Wenn ich eins gut konnte, dann war es Dinge zu organisieren. Mich schlau zu machen. Die Kontrolle zu haben. Ich hätte nie völlig planlos hier auftauchen können. Das ist in meinem genetischen Code einfach nicht vorgeschrieben. Ich habe die letzten 5 Monate damit verbracht, diesen Aufenthalt zu planen. Für jede dazwischenkommende Ivendualität wäre ich vorbereitet.
Ich habe im Voraus so oft es ging mit meiner Gastfamilie geskyped. Sie waren schon am Telefon so herzlich und haben sich riesig gefreut. Ich habe mich bei einer Agentur als Au-Pair beworben und sie waren die einzigen, die ernsthaftes Interesse an mir hatten. Die eine Familie wollte, dass ich mich um ihre 7 Kinder kümmere, während sie gemütlich im Keller einen durchzogen und womöglich noch das achte Kind zeugten. Nein danke.
Amy und Ben machten dagegen einen wirklich netten Eindruck und ihr kleiner Sohn Liam war so goldig. Jedes Mal präsentierte er mir eines seiner Bilder und zeigte mir voller Stolz seine Sammlung an Minions. Wie konnte man sie bitte nicht sympathisch finden. Amy erwartete ihr nächstes Kind und da Ben unter der Woche oft unterwegs war, kam es ihnen ganz gelegen, dass ich bereit war, ihnen zu helfen.
Und somit verschlug es mich in das schöne Colorado in Amerika. Schon am Flughafen in Denver machte ich fleißig Bilder und schickte sie in unsere Familien-Whatsappgruppe, die meine Schwägerin extra für diesen Moment erstellt hatte. Ich glaube, sie war am meisten stolz auf mich, dass ich diese Erfahrung mache. Sie hat mich all die Zeit, die wir uns kannten, so sehr beschützt. Sie war immer da und ich konnte mich immer hilfesuchend an sie wenden. Ich glaube, ich würde nicht hier stehen, wenn sie mir nicht immer den Mut gegegeben hätte, weiterzumachen. Nach meiner abgeschlossenen Ausbildung hatte ich den auch nötig. Ich hatte zwar den Abschluss in der Tasche, war mir allerdings auch bewusst geworden, dass dieser Beruf nicht ein lebenlang für mich geeignet ist. Ich habe es wirklich geliebt, als Physiotherapeutin tätig zu sein und die verschiedenen Bereiche zu erkunden, aber irgendetwas hat immer gefehlt. Das gewisse Etwas, das mich für diesen Beruf hätte brennen lassen müssen. Das gab es leider nicht.
Und das ist auch nicht schlimm. Ich kann sehr zufrieden mit mir sein, dass ich die Ausbildung trotzdem gemacht habe und so tolle Menschen kennenlernen durfte. Ich hätte sonst nie meine beste Freundin Lisa getroffen. Ihr schickte ich natürlich auch alle Fotos. Sie hat mir versprochen, dass wir wenigstens einmal in der Woche skypen würden. Und das war auch bitter nötig.. wie sollte ich sonst so lange ohne ein Wort Deutsch auskommen.
Ich lief nun leicht umher irrend und in Eile über den Flughafen. Mein Rucksack hing nur noch halb auf meinem Rücken und noch immer hatte ich das Problem, dass 5SoS nur zur Hälfte zu hören war. Eine einzige Katastrophe. Und das an meinem ersten Tag.
Als ich durch die schweren Glastüren nach draußen lief, umspielte eine warme Herbstbriese mein Gesicht. Es war gar nicht so kalt wie erwartet. Aber hier befanden wir uns auch noch nicht in den Rocky Mountains. Dort würde es sicher schon wieder anders aussehen. Ich stellte kurz meinen Koffer ab, nahm meinen Rucksack ab und zog die dicke Winterjacke aus. Was sollten denn die Coopers von mir denken, wenn sie mich so sehen. Mit dem Rucksack auf meinem Rücken und der Jacke unterm Arm ließ ich nun meinen Blick über den Parkplatz schweifen. Aber ich konnte sie nicht sehen. Es gab keine Luftballons, kein Willkommensschild und auch keine Marschkapelle. Hatten sie mich etwa vergessen? Das konnte unmöglich wahr sein. Sie wussten, dass ich heute komme und die Uhrzeit habe ich ihnen vorhin erst geschrieben. Irgendetwas stimmte nicht. Vielleicht hatten sie einen Unfall? Oder ihnen ist etwas dazwischen gekommen? Oder die Verkehrslage ist so schlimm, dass sie nicht durchkommen. Egal, was es war, es konnte nicht noch länger dauern. Es würde bald dunkel werden und ich hatte keine Lust, ewig an diesem Flughafen zu stehen.
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Zero Chill
RomanceWar ich mir wirklich sicher, dass ein Jahr in einem fremden Land mir helfen würde herauszufinden, was ich im Leben erreichen wollte? Was meine Träume und Ziele waren? Ich weiß es nicht. Aber jetzt gibt es keinen Weg mehr zurück. Inspiration: Green-V...
