Zoé Pilar Perez

Es war eigenartig für mich, mich mit dem Gedanken anzufreunden, dass Harry tatsächlich hier hinein passte. Hier, in das Café, umgeben von temperamentvollen Spaniern. Doch noch viel eigenartiger war es, dass ich damals immer das glatte Gegenteil vermutet hatte. Grundsätzlich war mein Lieblingsengländer schließlich genauso wie alle anderen auch: lebensfroh und sich nach einem Kaffee oder anderem sehnend. Wenn nun ich an meine damaligen Gedanken über Harry nachdachte, musste ich zugeben, dass ich beinahe rassistisch über ihn geurteilt hatte, nur weil kein spanisches Blut durch seine Adern floss.

Jeder Mensch hatte irgendetwas an sich, das ihn ausmachte. Bei Harry war dies vermutlich seine Aura. Die Art und Weise, wie er Leuten immer seine volle Aufmerksamkeit schenkte oder wie sich automatisch alle Köpfe zu ihm wendeten sobald er den Raum betrat. Er wirkte stets so sympathisch, dass man kaum anders konnte, als ihn zu mögen. Es war reinste Tortur für mich, dass ausgerechnet bei meinem Vater nichts davon anzukommen schien.

Mein Blick lag benebelt auf Harry, welcher auch heute wieder bei uns im Café saß und mit einer Tasse Tee in der Hand eine ausgefranste, englische Zeitung las. Obwohl, die Zeitung war eher eine Attrappe, denn immer, wenn mein Vater gerade nicht hinschaute, schickte Harry mir irgendwelche Grimassen, um mich zum Schmunzeln zu bringen. Wenn das Café schon der einzige Ort war, an dem wir uns sehen konnten, wollten wir das auch ausnutzen, und so begann ich sofort heute damit, Überstunden einzulegen, während Harry bereits den ganzen Nachmittag auf seinem Platz saß und nicht so aussah, als würde er langsam mal gehen wollen.

Ab und zu blickte mein Vater, unser stets skeptischer Beobachter, in seine Richtung, doch hauptsächlich war er mit den anderen Kunden beschäftigt. Auch Noemi war vor kurzem zu uns gestoßen, um mir „in so einer heiklen Situation seelischen Beistand zu leisten", wie sie sich ausgedrückt hatte. Ihr seelischer Beistand kam jedoch reichlich zu kurz, da sie hauptsächlich dabei war, mit Alessandro zu schreiben.

„Zoé, kannst du kurz noch einmal nach Tisch 3 schauen?", bat mich Dad, als er mit seinem Tablett in der Hand an mir vorbeilief, und ergeben stimmte ich zu und griff nach meinem Block, einem Tablett und einem Stift.

Tisch 3 war der Tisch direkt neben Noemi, diese ignorierte mich jedoch nur uninteressiert, während ich mich an den bereits wartenden, jungen Spanier wendete.

„Kann ich Ihnen noch etwas bringen?", fragte ich höflich und schickte ihm ein kleines Lächeln, woraufhin er energisch nickte und mir seine Wünsche aufzählte.

Kurz darauf machte ich mich auch schon mit seiner Bestellung auf den Weg zurück zu dem Herrn und reichte ihm seine Tasse, ehe ich kurz meinen Blick durch das Café schweifen ließ. Es hatte sich in der Zwischenzeit nicht wirklich etwas verändert, jedoch erblickte ich meinen Vater nicht mehr.

„Noemi, wo ist Dad?", fragte ich meine beste Freundin irritiert, woraufhin sie schließlich antwortete:

„Er hat sich beim Kaffeekochen die Hand verbrannt und sucht nun verzweifelt bei euch in der Wohnung nach einem Erste-Hilfe-Kasten."

„Echt jetzt?"

Noemi nickte, hatte den Blick allerdings schon wieder abgelenkt auf ihr Smartphone gerichtet.

„Ist seine Hand... kaputt?"

„Kaputt? Zoé, es ist nichts Schlimmes passiert, der Typ ist hart im Nehmen."

Ich wollte gerade etwas erwidern, als mir Noemi plötzlich einen Klops auf den Po verpasste und leise zischte:

„Und du solltest dich jetzt mal lieber um deinen Freund kümmern. Der Typ sitzt schon den ganzen Tag hier und wartet auf genau so eine Gelegenheit wie die jetzt hier."

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