Kaputte Traktoren, Liebeskummer und andere Kalmitäten

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„Wenn ich eines Tages behaupte, dass das meine beste Zeit war, dann sagt mir, dass es soweit ist, dass ich mich erschieße."

Um diesen Gefallen bittet Pink aus dem Highschoolfilm „Dazed and confused" (auf Deutsch „Der Sommer der Ausgeflippten") seine Freunde, als er am letzten Schultag mit ihnen auf der 50 Yardlinie sitzt.

„Das war die schönste Zeit meines Lebens."

schreibt sie in der Antwort auf meine Mail. Als „Schönste Zeit" bezeichnet sie ihre Facharbeiterausbildung mit Abitur an einem landwirtschaftlichen Betrieb in S, wo ich auch war, aber nicht zur selben Zeit wie sie. Aus ihren Worten höre ich den Vorwurf raus, dass ich ihr ihre Erinnerungen vergällt habe.

Ich hatte nämlich kurz zuvor zufällig einen Beitrag von ihr über unsere ehemalige Berufsschule im Internet entdeckt. Ich fand darin vieles wieder, was ich selbst so erlebt hatte. Dort schlägt sie noch wesentlich nachdenklichere Töne an als in der Mail. Sie schreibt, dass sie oft den Wunsch hatte, alles hinzuwerfen und darüber wie sie sich jeden Morgen in der Dunkelheit jemanden suchen musste, der ihren Traktor anschleppt. Der Artikel ist aber schon ziemlich alt. Erinnerung verklärt wohl vieles.

Weil ich vermutete, dass sie das interessieren könnte, habe ich ihr im Gegenzug einen Text von mir über unsere Lehrlingszeit gesendet.

Das hätte ich wohl lieber bleiben lassen sollen. Sie ist eine von den Monis, Biggis und Susis, mit denen ich zusammen auf der Schulbank gesessen habe, die ganz in Ordnung waren, aber konform und anpassungsbereit, so wie ich ja vielleicht auch damals und die heute unsere Lehrzeit auch nur in rosaroten Farben sehen. Vielleicht müssen sich sie diese Illusion von einer sorglosen Zeit erhalten, um sich in schwierigen Zeiten daran festzuhalten zu können.

Damals stand ein kreuzunglückliches Lehrlingsmädchen in einem landwirtschaftlichen Betrieb in Mecklenburg/Vorpommern in der Traktorenwerkstatt und wurde wochenlang damit beschäftigt „einen" Pflug mit der Drahtbürste zu entrosten.

Wenn ich mal zu den Schlossern ging und mir anschauen wollte, wie ein Motor

auseinandergenommen wurde, schickten sie mich schnurstracks gleich wieder zurück an meinen rostigen Pflug.

So begann ich langsam vor Langeweile durchzudrehen. Ich hegte schon den dunklen Plan, mich an die Landstraße zu stellen und einfach abzuhauen („On the road again" Canned Heat).

Lieber als hier in der Werkstatt zu stehen, wäre ich mit 16 Groupie bei den Rolling Stones gewesen und hätte die weite Welt kennengelernt (natürlich nur ein Scherz, aber...)

Aber als Lehrling mit Abitur galt man ja als privilegiert, und es wurde von einem erwartet, dass man sich nicht beklagte.

Einen Hoffnungsschimmer gab es in dem Elend. Ab 14 Uhr wurde vom Berliner Rundfunk die „Musik für den Recorder" gesendet, natürlich aus dem Sendehaus in der Nalepastraße. Ich schlich mich heimlich zu dem uralten Röhrenradio in der Werkstatt und drückte auf den Einschaltknopf.

Wenn ich Glück hatte, waren die Schlosser draußen beschäftigt. Leider kam manchmal einer rein. Wenn es der Chef war, horchte er bloß irritiert auf, verzog das Gesicht und machte sofort das Radio aus. Die jüngeren Schlosser hatten zwar auch mit der Musik nichts am Hut, aber sie konnten sich vielleicht noch undeutlich daran erinnern, wie sie ihre zukünftige Ehefrau auf dem Dorftanz rumgeschwenkt hatten, bevor sie die Mutter ihrer Kinder wurde.

Also ließen sie großzügig das Radio weiterlaufen und Saturday night fever und Waterloo von ABBA machten mir neuen Lebensmut in meinem Trübsinn. Das war natürlich nicht meine Musik, aber in der Not frißt der Teufel Fliegen. („Das Programm war ziemlich schlecht, der übliche Elton John Poprock. Ich hörte irgendwann auf, die Musik an sich zu beurteilen, sondern fing an sie im Kopf auseinanderzunehmen, bis ich etwas Gutes darin fand. ... irgendwas Gutes war immer dabei, etwas das mich mitnahm." Rocko Schamoni; „Dorfpunks").

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