Perlenmeer Kapitel 10

13.8K 855 85

ENDLICH! Endlich ist Notenabgabe! Ich habe keine Prüfungen mehr, alles überstanden, all der Stress abgeschlossen und ich habe wieder Zeit zum Schreiben! Bzw. Zeit um all die Stücke, die ich hie und da auf verschiedene Weisen festgehalten habe, zusammen zu tragen und das Kapitel 10 daraus entstehen zu lassen ~

Ich habe euch alle lieb, Sharon.

 

Kapitel 10

Am Wochenende blieb ich zu Hause, lernte für die anstehenden Prüfungen und hörte eine CD, die mir Maya ausgeliehen hatte. Sie gefiel mir aber nicht besonders, ich wusste nicht genau wieso, irgendwie waren die süssen Melodien, die die Sängerin mit ihrer Gitarre produzierte nicht schlecht, berühren taten sie mich aber nicht. Ich finde Musik muss Seelen erreichen können. Und wenn dies nicht der Fall ist, so ist die Musik einfach nicht für deine Seele bestimmt. Ganz einfach. Bald mal legte ich das Schulzeug weg und nahm meine Perlensammlung hervor. Ich konnte mich stundenlang mit meinem Schatz beschäftigen. Manchmal stand ich mitten in der Nacht auf, setzte mich auf den Boden und zog die Kiste an mich und betrachtete jede Perle einzeln, holte mir dazu gehörende Erinnerungen und Gedanken zurück. Sie waren meine persönliche Sucht, sie warem die Süssigkeiten, die ich in meinem Leben brauchte, das Gewürz in dieser faden Welt...
Und dann klingelte mein Telefon. Ich zuckte zusammen und sah erst einmal auf die Uhr. Es war halb 1 Uhr in der Nacht! Oh Gott, so schnell war die Zeit vergangen? Zögernd griff ich nach meinem Handy und hielt es mir ans Ohr.
,,Ja?“
,,Hallo? Nance? Bist du es?“
,,Eh, ja.“ Es war Yuri Callaghan. Täuschte ich mich, oder...
,,Ich wollte dir was sagen! Ey, biste noch dahhh?“ ...war er betrunken? Im Hintergrund hörte ich laute Musik und Gelächter und er schien auf einer Party zu sein.
,,Weissu dass ich mal extra wegen dir ein Buch gelesen habe?“
Ich stand etwas nervös und irritiert auf und stand ans Fenster. Es war ganz offensichtlich. Er hatte getrunken. Was bitte schön wollte er mir klar machen? Wieso las man extra für jemand anderes ein Buch? Wie ging das? Ich konnte mir wirklich nicht vorstellen, was er mir sagen wollte…
,,Echt?“, erwiderte ich dann etwas gefasster und immer noch sehr verwirrt. Aber auch neugierig…
,,Uuund weissu welches Buch das war?“ Die Musik im Hintergrund wurde leiser und ich nahm an, dass er jetzt draussen war. Er klang aufgeregt und ich war mir sicher, dass er breit grinste und es kaum abwarten konnte mit von diesem einen Buch zu erzählen.
,,Welches?“, fragte ich nun und strich mir nervös eine Strähne aus dem Gesicht.
,,Der Zauberer von Oz.“ Yuri lachte heiser und betrunken.
Mir blieb das Herz stehen.
,,Als ich neu in die Klasse gekommen bin, da bist du mir sofort aufgefallen. Du... aber du... hast mich nicht mal bemerkt! Du hast nur in dein Buch geguckt, das du dabei hattest. Und du sahst dabei so glücklich aus. Als ich dann endlich einen Blick auf den Titel des Buches werfen konnte, bin ich hinterher sofort in die Bibliothek gerannt und habe es mir ausgeliehen. Weil ich wissen wollte, was in deinem Kopf vorgeht.“ Er brach ab und lachte wieder. Er hatte ewig lange für den Satz gebraucht. 
Mir war ganz heiss und verkrampft umklammerte ich den Telefonhörer und schluckte einmal leer.
,,Yuri, was machst du? Du- “, Dann war eine andere Stimme zu hören und da brach die Verbindung ab.
Ich brauchte eine Zeit lang bis ich fähig war den Hörer abzusetzen und Luft zu holen. War das gerade wirklich passiert? Nach einem weiteren Atemzug setzte ich mich aufs Bett und starrte gerade aus zum dunklen Fenster hinaus. 

Am Sonntag lud Maya mich zu sich nach Hause ein. Es schneite grässlich und der Weg zu ihrem Haus war qualvoll. Irgendwie schafften es die Schneeflocken in meinen Nacken zu kriechen und mir die Kälte bis zu den Knochen zu jagen... Bei Schnee nahm ich nie einen Schirm mit, dabei wäre es viel nötiger als bei harmlosem Regen, der längst nicht so grausam war wie die eisigkalten Teufel, die vom Himmel fielen.
Als ich klopfte, öffnete Agnes und grinste breit.
,,Nur herein! Wir backen Kekse!“ Sie trug eine Schürze mit Sonnenblumen drauf und hatte die Hände voll mit Mehl und Butter.
Ich lachte zur Begrüssung und trat schnell ein.
Legte meine Jacke ab und strich mir den Nacken mit blosser Hand trocken. Ich konnte viele Stimmen vernehmen. Nur Deborah konnte so laut gackern und kichern. Und so war ich sicher, dass alle hier waren, denn auch Olivias helle Stimme war zu hören. Ich trat hinter Agnes in die gemütliche Küche ein und tatsächlich: Alle da. Maya knetete einen Teig und Deborah sass neben ihr auf der Küchentheke und schleckte einen Löffel ab. Olivia amüsierte sich ab den Förmchen, Vincent stand hinter ihr und spielte mit ihrem Haar, während er das Lied vom Radio mitsang.
Als er mich sah, liess er von Olivia ab und begann heiser zu lachen. Er zeigte mit seiner rechten Hand auf mich und irritiert blieb ich stehen.
,,Yuri hat dich gestern angerufen, nicht? Hach, er macht so lustige Sachen wenn er betrunken ist!“ Amüsiert sah er mich an und lachte so laut, dass es mich so sehr schauderte wie vorhin wegen dem Schnee. 
Ich errötete und als Olivia mir zuzwinkerte, wusste ich dass bereits alle davon wussten. Na super...
,,Ach, Nancy... gehst du schnell in den Keller? Wir brauchen noch mehr Mehl“, meinte Agnes und ich nickte und ging die Treppe hinab zur kleinen Vorratskammer der Sheppards.
Und ich blieb auf dem Treppenabsatz stehen, als ich sehen konnte, wer auch gerade dabei war Mehl zu holen. Agnes!
Der Junge stand gebückt bei einem Gestell, hatte hochgekrempelte Pulloverärmel und schwarzes zerzaustes Haar.
Als er mich hörte, richtete er sich auf und erbleichte bei meinem Anblick. Genau so wie ich.
,,Ehm... Hallo Yuri“, begrüsste ich ihn und beschloss so zu tun, als hätte er mich gestern mitten in der Nacht nicht angerufen.
,,Nancy“, war das Einzige, das er sagte und es störte mich, dass er nicht wie üblich "Nance" zu mir sagte...
,,Ich soll Mehl holen“, sagte ich schnell und Yuri seufzte.
,,Ist schon meine Aufgabe.“
,,Oh.'“ Ich rührte mich nicht von der Treppe und sah ihm zu wie er zwei Säckchen Mehl in seine Arme packte. Dann stand er ebenfalls nur da und sah mich an. Seine Augen betrachteten mich fragend und nach einer Reaktion fordernd. Man sah ihm die Kopfschmerzen an, die ihm wohl das üble Trinken von gestern bescherten.
,,Hör zu... es... gibt noch eine Fortsetzung zu ''Der Zuabere von Oz''. Du kannst sie gern ausleihen...'“ Weil ich wirklich nicht wusste, was er von mir hören wollte.
Yuri lächelte ungläubig und schüttelte kurz den Kopf. Fast schon amüsiert.
,,Nein danke, schon okay.“ Er ging an mir vorbei und er streifte meinen Arm.
Ich holte tief Luft und drehte mich abrupt zu ihm um.
,,Jetzt warte mal!“ Tatsächlich blieb er stehen und drehte sich so um, dass er mich sehen konnte. Er war noch immer sehr blass und seine grauen Augen waren so hart wie Stahl.
,,Tu nicht so als ob ich die Schuldige wäre! Ich habe ja nichts dafür, dass du mich gestern betrunken angerufen hast!“, stiess ich wütend hervor.
Er biss sich auf seine Unterlippe und schwieg einen Atemzug lang.
,,Hör zu, ich... das ist nur Selbstschutz, okay?!“ Für einen Moment fiel die kalte Fassade ab und Verzweiflung war in seinen Augen zu erkennen. Und damit stampfte er in die Küche hinauf. 
Es tat mir so unendlich weh, dass er mir wegen seinen Fehlern die kalte Schulter zeigte...

Nach einigen Sekunden folgte ich Yuri die Treppe hinauf und blieb im Türrahmen stehen. Agnes nahm ihm das Mehl aus den Armen und ich warf ihr einen bösen Blick zu weil sie mich mit Absicht in den Keller geschickt hatte, damit ich Yuri begegnen würde. Sie aber lachte nur bei meinem missgelaunten Anblick und stellte das Mehl zu Deborah.
Vincent verzog sich ins Wohnzimmer und Yuri folgte ihm, die beiden wollten sich nicht beim Keksebacken beteiligen wie es aussah, und so blieb es bei Maya, Agnes, Olivia, Deborah und mir. 
,,Kommt Ace eigentlich auch?“, fragte Agnes irgendwann und obwohl ihre Frage ganz berechtigt war, wussten wir alle, dass hinter der Frage ziemlich viel mehr steckte als blosse Neugier. Maya lächelte.
,,Ich glaube nicht, er ist in seinem Ferienhaus übers Wochenende. Das machen die Bennets öfters“, erklärte sie lächelnd und stampfte dabei ein paar Schokoladenherzen aus dem Teig heraus. Agnes nickte schweigend und ich fragte mich ob sie von dem Kuss zwischen mir und Ace wusste... 

Als all die Kekse im Ofen waren, gesellten wir uns zu Vincent und Yuri. Sie tranken Cola und hatten es sich auf den zwei Sesseln gemütlich gemacht. 
Olivia grinste und quetschte sich frech neben Vincent. Er lachte und zog sie an sich. Ich freute mich für die beiden.
,,Wie geht es eigentlich deiner Zigarettensucht?“, fragte Deborah und setzte sich erschöpft auf die Couch. Kekse backen raubte wahrhaftig Energie, vor allem wenn man den Teig selber machte. Morgen würden wir alle Muskelkater haben.
Yuri, der sowieso schon sehr blass war, wurde noch farbloser.
,,Äh... ganz gut!“ Aber ich wusste, dass er log. Erst am Freitag hatte er im Musikzimmer noch eine geraucht. Ich war ziemlich schlecht gelaunt. Weil Yuri meinen Blick mied und er mir so deutlich zeigte, dass ich Schuld an dem allen war, obwohl ich doch wirklich nichts Falsches getan hatte!
Und so stand ich auf und ging auf ihn zu, ganz unaufgefordert und überraschend. Ich lehnte mich zu ihm herab und griff ihm in die rechte Jackentasche, von wo ich wusste, das da seine Zigarettenschachtel war. Ich zog sie ihm raus, ohne meinen Blick von seinen starr auf mich gerichteten Augen abzuwenden. Dann warf ich sie lässig in Deborahs Schoss und meinte: ,,Da hast du deine Antwort.“ Ich setzte mich wieder hin und ich hatte nicht einmal ein schlechtes Gewissen dabei. Denn da war eine unterdrückte Wut in mir, ein Gemisch aus Angst und Hilflosigkeit, dass ich und Yuri nie mehr so tolle Stunden miteinander verbringen würden, wie in den letzten Tagen. Irgendwie vermisste ich ihn nämlich... und das machte mich wütend. Wie war es möglich, dass er so ein grosses Chaos in mir hinterlassen konnte, obwohl er nur für so kurze Zeit mit mir Zeit verbracht hatte? 
Deborah begann zu lachen und Vincent war unangenehm überrascht und sah sehr enttäuscht aus. Und Yuri schämte sich, ohne Frage. Unverwandt sah er mich an, unberührt, seine grauen Augen kalt und ich wusste nicht, was er dachte. Alles in mir zog sich zusammen. 
,,Nancy, woher hast du das gewusst?“, fragte Agnes fast schon begeistert und steckte sich ganz begeistert eine an.
Vincent räusperte sich streng und meinte: ,,Das wird konfisziert!" Agnes protestierte als Vincent ihr den Glimmstängel aus der Hand riss und in einem fluchtartigen Tempo aus der Wohnzimmertür berstete. 
,,Willst du mir meine Freundschaft mit Vincent ruinieren?", fragte Yuri mich leise und fast schon bedrohlich und ich schnappte nach Luft.
,,Hör mit dem Rauchen auf, Yuri!", war das Einzige, dass ich darauf antwortete, sodass er sich schweigend von mir abwandte. Forsch und mies gelaunt.
Ich wollte ihn um Verzeihung bitten! Ich wollte wieder mit ihm lachen, ich wollte, dass er mich wieder abzeichnete und in den Arm nahm. Mir zeigte, dass er sich um mich scherte, dass ich ihm wichtiger war, als ich wusste. Er war mir auf einmal so fremd. Und jetzt wurde mir klar, wie sehr ich seine Anwesenheit mochte und die Tatsache, dass er Bücher las. Nur für mich.
Aber ich hatte ihn verletzt.
Ich senkte den Blick und biss mir auf die Unterlippe.
Olivia entschuldigte sich und hastete Vincent nach, Maya und Agnes gingen lachend in die Küche, um nach den Keksen zu sehen.
Deborah blieb sitzen und lächelte Yuri tröstend an. 
,,Vincent wird sich beruhigen. Auch er hat viele Anläufe benötigt, um mit den Drogen aufzuhören...“
,,Was?“

PerlenmeerWo Geschichten leben. Entdecke jetzt