Mein Therapeut und ich - Part 9

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Ich saß mit meiner geliebten Mutter an unserem hölzernen Küchentisch, dessen Alter man an seinen abgewetzten Kanten und der abgenutzten Tischplatte ablesen konnte. Auf dem Tisch befanden sich zwei kleine gebrauchte Holzbrettchen, die wir zum Essen benutzten. Daneben lag ein Messer. Jeder hatte ein trockenes Brötchen auf seinem Frühstücksbrett liegen und eine Tasse Milch rechts stehen, über die wir beide sehr dankbar waren. Mehr gab es nicht, aber wir waren zufrieden.

Schweigend saßen wir am Tisch und aßen unser trockenes Brötchen vom Vortag. Das Brötchen war ein wenig hart, aber wir waren einige der wenigen Glücklichen, die etwas zu essen besaßen und das auch nur durch die Hilfe und Freundschaft unserer Nachbarn, mit denen wir tauschten. Sie bekamen von uns handgenähte Kleidung oder selbst angebaute Gartenkräuter aus unserem Garten auf einem nahe gelegenen Feld. Und wir erhielten im Gegenzug dafür hin und wieder Brötchen und/oder Milch.

Während Mutter und ich aßen, betrachtete ich nachdenklich unsere kleine Küche, die unser Wohnzimmer zugleich war. Die Wände und auch der Fußboden bestanden aus alten Holzbrettern, die bei jedem unserer Schritte ächzten und krächzten. Einen Ofen besaßen wir, jedoch war dieser seit Monaten defekt. Es wurde allmählich kühler, der Winter kam bald. Geld für die Reparatur des Ofens hatten wir keins. Aber ein guter Freund hörte von unserem Problem und wollte noch in dieser Woche vorbei kommen und uns helfen. Ich hoffte inständig, dass er den alten Kachelofen wieder flott bekam, sonst würden wir diesen Winter erfrieren.

Plötzlich gab es einen Ohren betäubenden Knall. Das Holz bedeckte Dach über uns brach auseinander. Holzsplitter rieselten auf uns herab. Gleichzeitig raste eine Kanonenkugel an meiner rechten Seite vorbei, durchdrang unseren maroden Holzfußboden und verschwand in den unteren Etagen. Jeweils ein riesen großes Loch prangte nun in unserem Dach und gleichzeitig in unserem Fußboden, so dass wir den mit dunklen Wolken verhangenen Himmel sehen und auch in die Wohnung unserer Nachbarn unter uns blicken konnten. Sie starrten entsetzt zu uns auf.

Der Krieg hatte begonnen.

Und ich schrie.

Ich schrie, als sei der Teufel hinter mir her.

Panik ergriff mich und ich schreckte noch immer schreiend auf. Schweißgebadet saß ich im Bett und blickte verwirrt um mich. Es dauerte einen Augenblick bis ich registrierte, dass ich mich in Jaden's Schlafzimmer befand, als auch schon die Tür aufflog, gegen die Wand knallte und ein sanfter Lichtschein vom Wohnzimmer ins Schlafzimmer glitt.

Jaden kam eilig hereingestürzt, denn er hatte mich selbst im Wohnzimmer, in dem er schlief, panisch schreien gehört. Er stolperte über seine eigenen Beine und flog direkt auf mich zu. Jaden landete noch mit beiden Armen in der Luft wedelnd halb auf dem Bett und halb auf meinem Schoß.

Ich musste schmunzeln, weil das zu komisch ausgesehen hatte. Verletzt hatte er sich bei diesem Sturz zum Glück nicht. Mir selbst hatte Jaden's Aufprall auch nicht geschadet, obwohl nun sein Körpergewicht auf meinen Beinen lastete. Und dann nahm ich Jaden's Duft wahr. Er roch so unglaublich gut, dass ich seinen Duft mit mehreren Zügen inhalierte und ihn versuchte mir einzuprägen, damit ich ihn nicht vergaß, wenn wir irgendwann getrennte Wegen gehen würden.

Seine Nähe und auch seine Körperwärme, die noch vom Schlafen her ruhte, taten ihr übriges, so dass in mir ein merkwürdiges Gefühl aufstieg, dass ich mir nicht erklären konnte. Ich versuchte mich auf Jaden zu konzentrieren. Konnte aber seinem wunderbaren Duft und seiner Körperwärme nicht widerstehen. Viel zu gern hätte ich mich jetzt eng an ihn geschmiegt und über seine Brust gestrichen. Stattdessen saß ich stocksteif im Bett, verlegen einerseits und verängstigt andererseits.

Jaden richtete sich unbeholfen auf und blickte mir direkt ins Gesicht. Seine Haare waren total zerwühlt vom Schlaf, seine Augen waren ein wenig müde und klein.

Dennoch schlug mein Herz bei seinem Anblick heftig in meiner Brust. Noch heftiger als zuvor aufgrund des Albtraums. Ich versuchte so leise und langsam wie möglich zu atmen und hoffte, dass sich dadurch mein Herzschlag beruhigte und Jaden nichts davon mitbekam.

Seine leuchtenden Augen tasteten mein Gesicht ab und meine Knie wurden weich.

“Geht es dir gut?”

Einen Satz oder wenigstens ein Wort brachte ich nicht über meine Lippen. Stattdessen nickte ich stumm und versuchte ein kleines dankbares Lächeln zu Stande zu bringen.

“Was ist passiert? Du hast panisch geschrien.”

Die Erinnerung an den Albtraum tauchten erneut vor meinem inneren Auge auf und ich begann zu zittern. Jaden bemerkte es, rückte zu mir heran und strich mir behutsam über meine Schultern und Arme, um mich zu beruhigen.

“Du hattest einen Albtraum, nicht wahr?”

Wieder nickte ich und eine kleine Träne trat aus meinem Augenwinkel und rann meine Wange hinunter.

Ich muss einen so jämmerlichen Anblick geboten haben, dass Jaden's Lippen fragten:

“Soll ich heute Nacht hier bei dir bleiben?”

Ich errötete augenblicklich und Jaden bemerkte erst jetzt, was er da gefragt hatte.

Verlegenheit machte sich nun auch in ihm breit und er senkte den Blick.

“Ähm... Ich meinte, soll ich mich dort drüben in den Sessel setzen und über deinen Schlaf wachen?”

Ich hätte so gern genickt, doch ich konnte es ihm nicht antun, den Rest der Nacht in diesem unbequemen Ding zu sitzen und nicht schlafen zu können. Deshalb schüttelte ich meinen Kopf und antwortete:

“Nein, brauchst du nicht. Ich nehme dir so schon dein Bett weg und nun soll ich dich auch noch des Schlafes berauben? Nein, das möchte ich dir nicht noch zusätzlich zumuten. Du brauchst auch deinen Schlaf.”

Als er nicht reagierte, fügte ich noch an: “Jaden, ich komme schon irgendwie klar.”

Ich kam ehrlich gesagt gar nicht klar. Denn nachdem Jaden das Schlafzimmer verlassen hatte, füllte mich eine derartige Einsamkeit aus, wie ich sie zuvor nur verspürt hatte, als mein Vater mich verlassen hatte.

Nun also auch bei Jaden.

Den Rest der Nacht lag ich wach und zerbrach mir seinetwegen den Kopf. Und hatte gleichzeitig ständig die Bilder des Albtraums vor Augen, so dass ich erst recht keinen Schlaf finden konnte.

Jaden musste es wohl ähnlich ergangen sein, denn als wir uns am darauffolgenden Morgen begegneten, sah er genauso unausgeschlafen aus wie ich. Seine Haare lagen noch wilder auf seinem Kopf als bei seinem nächtlichen Besuch bei mir und ich fragte mich, wieso er nicht schlafen konnte. Ich traute mich aber nicht, ihm diese Frage zu stellen.

“Wie geht es deinem Fuß?” fragte ich stattdessen mit der Erinnerung daran, dass er heute Nacht über sich selber gestolpert war.

Jaden blickte an sich herunter, streckte mir seinen nackten Fuß entgegen, kreiste ihn ein wenig in der Luft und meinte:

“Alles wieder bestens. Nichts passiert!”

“Das freut mich.”

Jaden konnte ein Gähnen nicht unterdrücken und streckte sich daraufhin.

“Entschuldige bitte, dass ich dich auch heute Nacht wieder aufgeweckt habe. Ich werde diese Albträume nur nicht los.”

Jaden lächelte mich aufmunternd an.

“Das bekommen wir schon in den Griff.”

Irgendwie wollte ich nicht so daran glauben, da mich diese miesen fiesen Albträume schon seit geraumer Zeit jede Nacht Heim suchten. Dennoch verspürte ich durch Jaden ein klein wenig Hoffnung. Nicht zuletzt aufgrund seines hinreißenden Lächelns. Und dann dieses kleine Grübchen in seiner linken und rechten Wange.

Ich muss damit aufhören, versuchte ich mir eisern einzureden. Immerhin ist er bzw. war er mein Arzt! Oder ist er es noch?

Doch wie soll es mir helfen, mir einzureden, bei diesem fantastischen Mann nicht schwach zu werden, wenn er ständig um mich herum ist und noch dazu ständig in meinem Kopf herumspukt?!

Mein Therapeut und ichWo Geschichten leben. Entdecke jetzt