Die Tage schlichen vorbei und mein Argwohn Brille gegenüber vergrößerte sich zunehmend. Barbara hatte mir eine Standpauke gehalten, die sich gewaschen hatte, darüber, dass ich die arme Brille nicht so hätte verängstigen sollen.
Doch eine ganze Woche blieb alles ruhig. Ich spürte, dass mein Bart wuchs und ich sah auch an Theodor die Folgen der Zeit. Sein Schnauzer wurde durch einen Vollbart abgerundet und auch John hatte schon Stoppeln.
Langsam hatte sich ein Takt gebildet, dem wir folgten. Essen fangen, zubereiten und sich abwechselnd um die Patientin kümmern und schließlich wieder ins Bett zu gehen.
Es war mittag. Die Sonne brannte auf unsere Köpfe. Ich hatte meinen Hund aufgesetzt um nicht den Sonnenstrahlen zu erliegen. Ich saß am Rand der Lichtung und beobachtete die sechs verbliebenen Leute. Barbara spielte mit Brille Uno, Theodor machte erneut ein Nickerchen, aber zu dieser Zeit war es ok und John und Madison turtelten herum. Neben mir saß Zora. Sie hatte darauf bestanden hinaus aus dem Unterschlupf zu kommen.
"Bevor ich sterbe, will ich noch einmal die Sonne sehen!" hatte sie mir gesagt. Ich konnte ihr diesen Wunsch nicht ausschlagen, denn ihr Zustand hatte sich drastisch verschlechtert.
"Es sieht so friedlich aus", flüsterte sie und riss mich aus meinen negativen Gedanken. Ich versuchte mich zu entspannen und warf einen kurzen Blick auf Brille, dann wandte ich mich ihr zu.
"Ja, heute ist das Wetter schön", sagte sie und ihre Stimme war kaum ein Krächzen. In den letzten Tagen war sie mir richtig ans Herz gewachsen, kaum zu glauben, wenn ich daran denke mit welchen Vorurteilen ich ihr zu Beginn gegenüber stand. Sie war eine gute Zuhörerin und auch ich hörte ihren Geschichten zu. Es wollte alles in meiner Macht stehende tun, um ihr Leben zu retten, aber ich hatte das Gefühl, dass ich ein Wunder dafür bräuchte.
Von Brille hatte ich ihr noch nicht erzählt. Ich hielt es für gefährlich, wenn sie davon wüsste, immerhin war sie ein leichtes Opfer, so völlig wehrlos.
"Ich glaube es war gut, dass wir hier gestrandet sind", meinte sie plötzlich. Ich horchte auf. Was meinte sie denn damit? Zu stranden war niemals gut.
Sie musste meinen fragenden Blick bemerkt haben, denn sie versuchte sich an einem Lächeln.
"Hier mussten wir zu uns selbst finden...", begann sie, "Ich habe zum Beispiel erkannt, dass ich nie mit irgendetwas zufrieden war, dabei hatte ich alles." Sie lächelte und schaute in die Ferne, aber ich sah die glitzernde Träne, die aus ihrem Augenwinkel kullerte.
Vermutlich hatte sie recht. So ganz nett bin ich nie gewesen. Ja, ich habe mich immer um meine Touristen gesorgt, aber hinterrücks ... ja, hinterrücks habe ich mich über sie lustig gemacht.
"Ich glaube, ich glaube du hast recht!" sagte ich und schenkte ihr ein Grinsen. Plötzlich kam mir eine Idee. Ich warf mich auf den Rücken und legte mich neben Zora.
"Wenn du die Kraft hättest, würde ich gerne mit dir zum Strand gehen", schlug ich vor. Sie schien überrascht, nickte dann aber doch zögerlich. "Gerne, dass ich viel besser als nur die Sonne zu sehen."

Mit mir als Stütze schleppten wir uns an den Strand. Barbara warf mir zwar komische Blicke zu und auch John schien nicht begeistert zu sein, aber sie erhoben keinen Einwand.
Als der Wald sich lichtete keuchte Zora auf.
"Wie wunderschön das Meer heute aussieht!"
Ich folgte ihrem Blick und sah das türkisblaue Meer, dass leichte Wellen warf, die mit kleinen, weißen Schaumkronen bedeckt waren. Eine Gruppe Tümmler war wieder in der Nähe. Ihr Anblick schmerzte mir, es erinnerte mich wieder an den Käpt'n und er würde nicht wollen, dass ich um ihn trauerte.
"Lass uns ans Wasser gehen", krächzte Zora und ich schleppte sie zum Wasser. Dort setzte ich sie nach genug ab, dass die Wellen ihre Beine streichelten.
Ich setzte mich neben sie, spürte den weichen Sand zwischen meinen Zecken und das Wasser, dass meine Füße umspülte. Die Luft war wunderbar, wie immer am Strand. Ich genoss den Duft des Sandes und des Salzes. Selbst den Geruch nach Fisch mochte ich.
"Was ist deine größte Angst?" fragte sie plötzlich wie aus heiterem Himmel. Ich dachte nach.
"Ich weiß es nicht", antwortete ich langsam. "Und deine?"
"Das ich vergessen werde, wenn ich sterbe", sagte sie und ihre Stimme brach. Sie wischte sich mit der Hand über die Augen. "Das ich vergessen werde, wie wir auf dieser gottverlassenen Insel!" Sie fluchte über ihre Tränen. Ich war Baff. Einen solchen Gefühlsausbruch hatte ich nicht kommen sehen.
"Mein Bruder ist tot und ich werde es auch bald sein!" Sie sah mir ins Gesicht. Es war vor Schmerz, Wut und Trauer verzehrt.
"Was glaubst du woran dein Bruder gestorben ist?" fragte ich zaghaft. Vielleicht konnte sie mir die nötigen Beweise liefern.
"Ich weiß es nicht!" wimmerte sie. "Ich weiß nur, dass er getötet wurde!"
Getötet. Sie hatte es gesagt. Das bewies meine Vermutung. Nur Brille allein konnte die Täterin sein. Ich wollte gerade den Mund aufmachen und ihr meinen Verdacht nun doch mitzuteilen, da hörte ich einen Schrei. Alamiert sprang ich auf. Das hatte sich wie Theodor angehört!
"Bleib hier", befahl ich Zora. "Und nimm das hier!" Ich gab ihr mein kleines Taschemesser, damit ich sie nicht wehrlos zurückließ und rannte zurück zum Lager.

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