Ich beschloss zusammen mit Theodor unseren Unterschlupf zu verbessern, nachdem wir uns eine Runde Zwieback gegönnt hatten. Wir befestigten die Plane fester an dem Gerüst aus Söckern und machten unsere Behausung winddichter.
John schlief den ganzen Tag über, Barbara kümmerte sich liebvoll um unsere Patientin und fütterte sie mit einem Brei aus Fisch und Algen, zumindest glaube ich das es Algen waren. Angelo sang Lieder aus seiner Heimat, während Brille genüsslich lauschte und für einen Moment den "Schmerz", den der Verlust ihres Freundes Tom, alias Pumuckel, mit sich gebracht hatte, vergaß. Wers glaubte!
Zum Mittag hin flaute der Regen ab, aber der Wind wurde zu einem Sturm, der an den Palmen rüttelte und unsere nassen Knochen auskühlte. Dicht zusammengedrängt saßen wir schließlich unter der Plane und warteten auf Sonnenschein.
Madison hing die ganze Zeit über einem Buch. Sie war regelrecht vernarrt darin, aber ich fragte sie nicht danach. Bestimmt war es wieder nur so ein Buch wie Twilight. Am Abend kam die Sonne raus und tauchte den Wald in rotgoldenes Licht. Ich verließ unseren Unterschlupf und ging hinunter zum Strand. Die Sonne sah aus, als würde sie sterben. Ja, es sah aus als würde sie in den sanften Wogen ertrinken, während sie ins Wasser blutete.
Ich fiel auf die Knie. In der Ferne sah ich eine Schule Delfine, die verspielt auf den Wellen reiteten, während sie in den Himmel lachten.
Erst jetzt spürte ich, dass ich weinte. Eine Träne fiel mir in den Mundwinkel und ich schmeckte sie salzig und nass.
Der Käptn' kam mir in den Sinn und ein Heulkrampf schüttelte mich. Ich hatte keine Zeit gehabt mich von ihm zu verabschieden und durch die ganzen Probleme, die wir haben, hatte ich ihn schon fast vergessen.
"Es tut mir leid!" schrie ich der sterbenden Sonne entgegen. Einer der Delfine sprang aus dem Wasser, dirket vor der orangeroten Sonne. Seine Sillouette zeichnete sich schwarz vom roten Himmel ab. Freude erfüllte mein von Trauer zusammengezogenes Herz. Der Käptn' lebte weiter. Er lebte in allem was er geliebt hatte weiter. Er lebte im Meer, in seinen Lebewesen und auch ihn mir. Niemals könnte ich ihn vergessen. Immerhin war er ein Teil von mir, vielleicht sogar der bessere Teil...

Ich blieb so sitzen, bis die Sonne am Horizont versunken war und die Dunkelheit der Nacht zurück ließ. Langsam erhob ich mich und wollte zurück zum Lager gehen, als ich plötzlich Geräusche hörte. Jemand trampelte da durch das Dickicht! Da! Ein Blatt bewegte sich und plötzlich war es still. Ich drehte mich nochmals um, dann folgte ich dem Geräusch. Ich stolperte über ein paar Wurzeln und rutschte mehrmals auf schlammigem Boden aus, dann führte mich das Geräusch zum Strand. Keuchend blieb ich stehen. Ich hatte es verloren, was auch immer da vor mir weggelaufen war. Mein Blick fiel auf den Boden und ich sah Fußabdrücke. Menschliche Fußabdrücke! Und noch dazu waren es die selben, wie die, die ich das letzte Mal gefunden hatte! Brille war also hier gewesen und sie hatte mich töten wollen! Ich grinste in mich hinein. Oh, nein, nicht mit mir Fräulein Mörderin!
Ich machte auf dem Absatz kehrt und rannte zum Lager zurück. Bestimmt würde sie schon vor mir da sein, denn sie war gewitzt, aber sie hatte schon verspielt!
Ich kam in einem ruhigen Lager an. Zu ruhig für mein Geschmack, aber vielleicht lag es daran, dass alle schon schliefen. Angelo saß einsam auf dem Wachposten.
Als er mich sah, weiteten sich seine Augen vor Schreck, doch nachdem er mich erkannt hatte wurde er wieder ruhig.
"Ich aufpassen, du kannst gehen schlafen", meinte er und schlang eine Decke enger um sich. Welch eine gute Idee dieser Mann doch hatte. In der Nacht fror man sich sonst noch den Arsch ab. Ich nickte ihm zu und legte mich schlafen, nachdem ich geprüft hatte, ob Brille auch schon bei uns lag.

Hunger weckte mich. Mein Magen knurrte so laut, man hätte nicht glauben können, dass alle anderen einfach so friedlich weiterschlafen konnten. Ich erhob mich und setzte meinen Hut auf.
Ich spürte die Hitze die draußen herrschte schon im inneren des Unterschlupfes. Ich schaute bei Fräulein Periode vorbei und warf einen Blick auf die friedlich schlafende Kasten, dann verließ ich unsere Behausung.
Die Hitze war unerträglich. Viel schlimmer als in den letzten Tagen. Ein totaler Gegensatz zu unserem Sturm gestern. Ich schaut zum Blätterdach auf, wo die Sonne erbarmungslos durch die Zweige schien. Von einem auf den anderen Augenblick war mein Hals trocken und rief nach Wasser. Ich holte meinen Rucksack und nahm eine Wasserflasche heraus. Die letzte Wasserflasche! Wir mussten uns dringend neues Wasser abschöpfen. Hoffentlich war das Wasser des Flusses klar genug. Ich trank in großen Zügen und erfreute mich an der Kühle in meinem Hals. Ich setzte ab und stellte erstaunt fest, dass Angelo nicht mehr da saß, wo ich ihn gestern noch gesehen hatte. Ich steckte die Flasche weg und schaute mih aufmerksam um. Wo war er hin?
Vorsichtig bewegte ich mich auf seinen Wachposten zu. Meine Augen huschten über das Dickicht. War Kasten wirklich so weit gegangen? Hatte sie deshalb so friedlich geschlafen? Dieses Scheusal!
Ich blieb vor dem Stein stehen, auf dem der junge Mann gesessen war. Da war Blut am Stein. Getrocknetes Blut. Ich schluckte. Meine Nacknehaare stellte sich auf und es lief mir kalt den Rücken herunter. Mich hätte es gestern auch treffen können! Ich spannte meinen Kiefer an und suchte nach Anzeichen für einen Kampf.
Ich fand Angelos rotes Top einige Meter entfernt zerfetzt in einem Gebüsch hängen. Was hatte Kasten nur getan?
Plötzlich hörte ich hinter mir ein ersticktes Keuchen. Biltzschnell wirbelte ich herum und fand mich gegenüber von Kasten wieder. Ihre Brille war verrutscht, ihre Augen waren mit Tränen gefüllt und ihr Gesicht war zu einer hässlichen Maske des Schmerzes verzehrt.
"Nein! Angelo, nein!" jammerte sie und brach vor mir zusammen. Alamiert sprangen John und Madison aus unserem Unterschlupf und auch Babara und Theodor steckten ihren Kopf heraus.
"Nein", hörte ich Madi flüstern. John nahm sie in den Arm und strich ihr übers Haare. Sie waren beide völlig betroffen und auch John schien kurz vor den Tränen zu sein.
Kasten war am Boden zerstörte. Sie warf die Hände in die Luft und fragte den Himmel warum gerade sie dieses grausame Schiksal teilen müsste. Ich musste zugeben, sie war eine beeindruckende Schauspielerin, aber ich hatte sie längst durchschaut. Während sie bei den anderen Sympathie sammelte, wusste ich schon längst welches Monster sie war.
Hilflos starrte ich auf das wimmernde Bündel vor meinen Füßen.
"Ok, komm mal mit", meinte ich und packte sie am Arm. Kasten ließ sich wiederwillig von mir hochziehen.
Die anderen beobachteten uns still. Ich winkte ihnen zu, um ihnen zu zeigen, dass sich jetzt mal um ihren eigenen Kram kümmern sollten. Ich nahm Kasten zur Hand und bewegte mich mit ihr zusammen runter zum Strand.
"Wieso, wieso?!" heulte sie. "Wer kann so viel Leid ertragen!" Sie wimmerte und wischte sich die Schnodder aus den Gesicht. Angewiedert beobachtete ich wie sie die Rotse hochzog und versuchte die Tränen zu zügeln.

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