Ich zuckte mit den Achseln, ließ das Pärchen hinter mir und ging zu den anderen.
"Schaut mal, heute gibt es Muscheln!" gab ich stolz bekannt und zeigte unsere Ausbeute.

Es dauerte nicht lange, dann hatte ich zusammen mit Barbara und ihrem Mann ein, für unsere momentanen Verhältnisse, vorzügliches Festmahl zubereitet.

Ich schaffte es Angelo und Brille, die anscheiend Maria hieß, zum Essen zu locken. Ich wollte sie bei mir haben. John wäre bestimmt ihr nächstes Opfer geworden, wäre er nicht rechtzeitig zurückgekommen.
"Wo warst du eigentlich?" fragte ich ihn beiläufig ohne meinen wachsamen Blick von Brille zu lösen.
"Ich habe die Umgebung erkundet", meinte er und strich sich durch das verfilzte Haar. Ich nickte. Diesmal war er ohne meine Erlaubnis weggeblieben. Jetzt konnte ich mich für seine scheiß Strafe rächen.
"Ich denke das schreit nach einer kleinen Bestrafung", grinste ich und schaute zu John hinüber. Er sah völlig perplex aus und blinzelte mehrmals. "Ja, du hast richtig gehört. Du wirst heute Nacht Wachr halten und wehe dir jemand kommt zu Schaden!" Dann erhob ich mich, füllte eine zweite Kokosnussschale mit Muscheln und schlüpfte in unseren Unterschlupf, wo unsere Patientin leise jammerte.
"Hey, ich habe dir Essen mitgebracht", sagte ich und hielt die provisorische Schüssel in ihr Blickfeld. Sie zitterte. Sie hatte hohes Fieber bekommen und schwitzte sich halb zu Tode in unserer bescheidenen Behausung.
"Nein", krächtzte sie. "Ich habe kein Hunger." Sie leckte sich über die aufgesprungenen Lippen.
"Dir geht es schlecht", meinte ich. "Du musst essen und trinken, um wieder zu Kräften zu kommen!" Sie schaute mich an. Ihre blauen Augen glänzten vor Schmerz.
"Aber ich will nicht", entgegnete sie, ohne mit der Wimper zu zucken. "John versteht es nicht, ich will sterben." Ich war baff. Warum wollte sie denn sterben? "Wir geben dich nicht auf!" sagte ich lauter als beabsichtig und streichelte Zora über den Arm. Sie hustete und strich sich selbst über die Stirn. "Ich weiß das ich sterben werde, entweder an dem gebrochen Bein, oder an meinem toten Herzen." Sie war toternst bei ihren Worten. Sie wandte den Blick von mir ab und starrte auf die Wand aus Holz und Plastik.
Wie konnte ich ihr nur helfen? Ich würde niemanden zurücklassen! Ich würde alle Überlebenden zurück nach Hause bringen, komme was wolle!
Ich verließ Fräulein Periode und traf wieder auf unsere kleine Gruppe, die sich gemütlich um das Lagerfeuer gesetzt hatte.
Kasten saß abseits und wurde von Angelo totgequatscht. Hoffentlich hatte sie heute Nacht keine Mordgelüste!
Ich setzte mich zu den anderen. Sie sangen gerade wieder irgendeinen Schlager. Ich seufzte. Kannten sie denn keine besseren Lieder?
"Sorry, wenn ich euch hier kurz mal unterbrechen muss, aber ich würde gerne Mal mit unserem Jonnyboy reden", sagte ich und kassierte fragwürdige Blicke. Vielleicht hätte ich ihn nicht Jonnyboy nennen sollen, das klang doch ein bisschen gay.
Doch John stand auf ud folgte mir in den Schatten einer Palme.
"Was ist Juju?" fragte er und  zog die Augenbraunen hoch.
"Ok, erstmal hör auf mich so zu nennen! Das ist ja wiederlich!" entgegnete ich.
"Dann nenn mich nicht Jonnyboy!"
"Ok, werde ich nicht! Aber jetzt hör mir bitte mal zu!" Ich verschränkte die Arme vor meiner Brust. "Also bitte erzähle mir, was du außerhalb unseres Lagers gesehen hast."
John stutzte. Damit schien er nicht gerechnet zu haben. Er wich meinem Blick aus und verschränkte seinerseits die Arme vor der Brust.
"Also, ich war südlich von hier unterwegs. Da gibt es einen großen Felsen. Auf den bin ich draufgeklettert und habe mich umgesehen. Die nördliche Spitze der Insel liegt höher als der Rest, es ist eine Art Berg." Er gestikulierte mit seinen Händen um mir zu verdeutlichen, wie die Insel aufgebaut war.
"Und das war alles?" fragre ich ungläubig. Er nickte. "Ich war ja nur einen Tag weg, was meinst du wo ich sonst war?" fragte er leicht gereizt, als hätte ich ihm sonstwas unterstellt.
Ich hob die Hände und entließ ihn. Einen Streit wollte ich jetzt nich beginnen. Außerdem hatte ich noch die Aufgabe Brilles Schandtaten aufzudecken!

Die Nacht brach herein und mit ihr die wohlige Kühle, die die Schwüle des Tages ablöste.
"So, Schlafenszeit!" Ich klatschte in die Hände und wir erhoben uns. Barbara und ihr Mann verkrümelten sich sofort im Unterschlupf, während Angelo Brille zu ihrem Bett zerrte. Das konnte lustig werden. Sie war eine Killerin und stellte sich an wie ein Kleinkind! Vielleicht war das so bei dieses Psychos? Wer wusste schon, was in deren Köpfen vor sich ging? Um ehrlich zu sein wollte ich das gar nicht wissen. Ich schüttelte mich bei dem Gedanken.
John setzte sich zur Wache auf einen Stein, Madison gab ihm einen Gute-Nacht-Kuss, dann verschwand auch sie unter der Plane.
"Viel Glück", wünschte ich John und folgte den anderen. Erleichtert ließ ich mich ins Bett fallen und schlief sogleich ein.

Das Jammern von Zora weckte mich. Sie hielt sich die Brust, da wo das Herz war und wimmerte. Die Augen hatte sie geschlossen. Schlief sie noch? Die anderen schnarchten noch und träumten von ihrem Leben jenseits der Insel.
"Hey, Zora, wie geht es dir?" fragte ich und hielt meine Hand an ihre Stirn. Sie war heiß wie Feuer! Schnell zog ich meine Hand zurück. Zora schlug die Augen auf. Sie glänzten fiebrig und die Pupillen waren weit, als wäre sie auf Droge. "Oh, Justin!" flüsterte sie erststaunt. Ihre Stimme war kratztig und brach. "Hey, alles ok?" fragte ich höflich und zog den Erste-Hilfe-Kasten hervor um ihren Verband zu erneuern.
"Ich fühle mich so leer! Mein Bruder...", sie brach ab und Tränen flossen aus ihren Aufenwinkeln. Woher hatte sid nur die nötige Flüssigkeit für Tränen? Sie trank kaum noch.
Ich öffelnete den alten, mittlerweile dreckigen Verband und entfernte ihn.
Das Bein sah schlimm aus. Immerhin schaute der Knochen nicht durch die Haut. Ich desinfizierte die aufgerissene Haut, die sie sich bei ihrem Sturz zugefügt hatte, dann winkelte ich eine frische Mullbinde um das Bein und sabilisierte es erneut mit einem Stock.
"So, das wird schon wieder", meinte ich. Zora lächelte. War sie dankbar? Ich lächelte zurück und reichte ihr eine Flasche zu Trinken aus meinem Rucksack. Sie nahm sie mit zitternder Hand und trank in großen Zügen daraus. Vielleicht konnten wir ihre Lebensgeister wieder wecken?
Ich ließ sie alleine und trat nach draußen in ie Schwüle. Doch anstatt von der Hitze der Sonne erschlagen zu werden, trafen mit fast erbsengroße Regentropfen. Nicht schon wieder ein Sturm!
John saß immer noch alleine auf dem Stein. Er war patschnass und rührte sich nicht.
"Hey, John! Zieh dir was trockenes an und ruh dich aus!" John drehte sich zu mir um. Er sah fast ein bisschen so wie ein Zombie aus, aber er nickte dankbar, erhob sich und zog sich im Unterschlupf zurück. Ich zog mir die Kapuze meiner Jacke tief ins Gesicht und überlegte was wir wohl als Nächstbesten tun sollten.
Ein Bewegung im Augenwinkel erregte meine Aufmerksamkeit. Ich drehte meinen Kopf, um eine besser Sicht auf das Etwas zu haben, dass da unter einem Busch rumruckelte. Es sah komisch aus, wie ein Stein mit einer weißen Zunge. Ich blinzelte und ging näher herum. Es traf mich wie ein Schlag! Es war ein Muschel, die sich aus dem weichen Schlamm grub um in den Pfützen nach Nahrung zu suchen. Was machte eine Muschel so weit im Landesinneren?! Das war unnatürlich? Ich kannte solche Muscheln aus dem Wattenmeer oder vom Strand, wo man sich ausversehen die Füße an ihren scharfen Schalen aufreißen konnte. Aber mitten auf dem Festland, in einer Pfütze, wo sie sich mit ihrem Fuß durch den Schlamm grub? Das war neu für mich. Nein, das war nicht normal! Ich schaute mich um und sah gleich mehrere Muscheln aus Pfützen kriechen. Warum waren sie niemandem aufgefallen? Oder besser gesagt: Warum waren sie MIR nie aufgefallen? Sehr unauffällig verhielten sie sich ja nicht. Andererseits war ich beim letzten Unwetter am Strand gewesen und hätte kaum mitbekommen können, was sich hier abspielte.
Diese Insel warf immer neue Rätsel auf. Landmuscheln, komische Riesenschakale und ein altes Forschungsschiff. Was hatte das wohl alles miteinander zu tun? Und dazu kam unser kleines Mordsproblem!

MisteryLies diese Geschichte KOSTENLOS!