Kapitel 31

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Reglos stand ich da, traute meinen Ohren nicht, zweifelte an meinem Verstand. Nur mein Herz schien die Worte verstanden zu haben und pochte jetzt schmerzhaft gegen meinen Brustkorb. Ich musste aussehen wie eine Idiotin, wie ich ihn einfach mit großen Augen anstarrte. Ezra hob einen Mundwinkel, sodass auf seinem Gesicht ein trauriges Lächeln entstand. Er schien mit meiner ungläubigen Reaktion gerechnet zu haben. Er öffnete den Mund, doch wurde von heraneilenden Schritten unterbrochen. Mit einem kurzen, gehezten Blick hinter mich, in Richtung Flur, schloss er ihn wieder. Langsam näherte er sich meinem Gesicht und küsste mich warm und zart auf die Stirn. Mein Herzschlag setzte aus, nur um kurz darauf doppelt so schnell weiter zu schlagen. Dann lösten sich seine Lippen von meiner Haut und hinterließen nur einen brennend heißen Abdruck - ich war überzeugt, man konnte ihn sehen. Die Schritte wurden lauter. Ich drehte mich um, um zu erkennen, wer da kam, doch es war nur ein Schatten zu sehen. Als ich mich wieder umwandte, war Ezra verschwunden. Perplex starrte ich auf die Stelle, wo kurz zuvor noch seine Augen gewesen waren. Meine Hand, die er festgehalten hatte, fiel zurück auf meinen Rock. Die Luft an meiner Wange, auf der vor dem Bruchteil einer Sekunde noch Ezras andere warme Hand lag, fühlte sich unangenehm kühl an.

Die Schritte erstarben, jemand sog scharf die Luft ein, dann ein Keuchen. "Avelle?" es war meine Mum, ihre Stimme war schwach und zitterte, doch ich hätte sie jederzeit erkannt. Aber ich konnte mich nicht umdrehen, sie anschauen und vor Erleichterung weinend in ihre Arme fallen. Wie erstarrt guckte ich Löcher in die Luft, als könnte ich so noch einen letzten Blick auf den verschwundenen schwarzen Magier erhaschen. Erst als Mum auf mich zu kam und mich mit ihrer wie immer kühlen Hand am Arm berührte, konnte ich mich wieder bewegen. Die Berührung war ungewohnt kalt und doch auf eine Weise vertraut, die ich nie Mals vergessen könnte. Ich drehte mich zu ihr um. Ihre Augen strahlten, feucht glänzend. Und jetzt kamen auch mir die Tränen. Heiß brannten sie in meinen Augen, bevor sie überqollen und an meinen Wangen herunterflossen und in dicken, schweren Tropfen auf meinem Kleid landeten. Stürmisch nahmen wir uns in die Arme, drückten uns so fest an einander, dass es mir fast die Luft raubte, doch es war noch immer nicht fest genug. Ob wir lachten oder weinten wusste ich nicht. Die dünne Grenze zwischen beidem schien für diesen Augenblick nicht zu existieren.

Wieder waren Schritte zu hören, schwerer und schneller, als die meiner Mutter. "Dorothea?" es war Dad. Er klang besorgt, "Dorothea, was ist ..." doch er beendete seinen Satz nicht, als er in die Eingangshalle trat. Lächelnd guckte ich zu ihm auf. "Hi Dad." flüsterte ich leise, doch ein schwaches Echo hallte von den Wänden. Langsam kam er auf uns zu, dann schneller und als er uns erreichte schloss er mich - und Mum - ebenfalls fest in die Arme.

Ich hätte noch stundenlang hier stehen können, geborgen in den Armen meiner Eltern, zwei der wichtigsten Menschen in meinem Leben.
Nach einiger Zeit lösten wir uns von einander. Mum strahlte übers ganze Gesicht, während ihr noch immer Tränen des Glücks über die Wange liefen. Auch Dad guckte glücklich, doch ihn schien etwas zu beschäftigen. "Was ist passiert? Warum bist du hier?" fragte er angespannt, seine Miene war aufmerksam. "Ezra ... Er ... er hat mich gehen lassen." antwortete ich matt nach kurzem Zögern. Ich würde Zeit brauchen, um die jüngsten Ereignisse zu verarbeiten und erklären könnte ich sie ihnen erst recht nicht, da ich sie selbst erst verstehen musste.
"Einfach so?" Dads Blick war skeptisch.Er rechnete damit, dass Ezra eine Gegenleistung verlangen würde. Einen Ersatz.
Ich nickte. "Einfach so." wiederholte ich, mehr zu mir als zu Mum und Dad. Nun blickte auch Mum überrascht. "Warum?" Eher aus einem Instinkt heraus, als beabsichtigt zuckte ich mit den Schultern. "Ich weiß es nicht."
Es war glatt gelogen, aber es kam flüssig über meine Lippen. Ich hatte kein schlechtes Gewissen, denn zählen tat nur, dass ich nicht wollte, dass sie seine letzten vier Worte, Ezras Begründung, wussten.
'Weil ich dich liebe.' , hatte er gesagt und war kurz darauf verschwunden.
Wie konnten einen Worte nur so aus der Fassung bringen? "Wir müssen es den anderen erzählen!" rief Mum, plötzlich wieder total aufgeregt, und nahm mich bei der Hand. "Ich würde mich gerne erst umziehen." gestand ich kleinlaut. "Aber ja. Natürlich!" meinte Mum und betrachtete mich fürsorglich. "Erzählt bitte noch nichts den anderen. Ich möchte sie überraschen." bat ich und drückte beiden noch einen Kuss auf die Wange. "Wir sind im Salon." rief Mum mir noch hinterher, dann ging ich den vertrauten Weg hoch in mein Zimmer.

L'Histoire d'AvelleLies diese Geschichte KOSTENLOS!