Kapitel 30

52 2 4

Zum ersten mal seit Tagen ließ sich die Sonne mal wieder blicken. Es war ein schöner Anblick und nach dem Frühstück hätte ich stundenlang einfach nur hier stehen und aus dem Fenster schauen können. "Lass uns raus gehen!" Mit Schwung dreht ich mich um 180 Grad und fasste Ezra, der sich mir mal wieder von hinten näherte, euphorisch bei den Händen und zog ihn mit zur Tür. Ein leises Schmunzeln zierte sein Gesicht und ich konnte noch gerade aus dem Augenwinkel sehne, wie er kaum merklich den Kopf über mich schüttelte, bevor ich mich wieder von ihm wegdrehte, um nicht noch irgendwo gegen zu rennen. "Da hat es aber jemand eilig zu den Pferden zu kommen." meinte er, die Stimme triefend vor Ironie. Bei der Erwähnung der Pferde blieb ich wie angewurzelt stehen. Ezra trat vor mich und ich schaute ihm tief in die blauen Augen. "Bitte verderb mir diesen wunderschönen Tag nicht. Ich bin heute so gut gelaunt." Lange zögernd schaute er mir tief in die Augen. "Wenn du nicht willst kann ich dich heute schlecht zwingen. Wir werden es dann wann anders nachholen." "Was ist heute anders, dass du mich aber wann anders zwingen kannst?" "Willst du, dass ich dich zwinge?" "Nein!" Ich frage mich nur, was sich geändert hat, dass du dich mir gegenüber so ... anders verhältst? - fügte ich noch in Gedanken hinzu.
Mittlerweile waren wir im Garten angekommen, der von der Sonne durchflutet war. Einzelne Lichtstrahlen fielen durch die Äste. Es war ein atemberaubend schöner Anblick. Während ich mich staunend umsah spürte ich wie Ezras Blick auf mir lag. Ich ging an Ezra vorbei, ohne ihn wirklich zu beachten, als , ohne Vorwarnung, eine warme Hand meine ergriff und mich zurück zog.
Ich stand nur einige Zentimeter von Ezra entfernt. Um in seine Augen gucken zu können musste ich aufgucken, ich konnte seinen warmen Atem auf meinem Gesicht spüren. "Avelle, du machst mich verrückt." Stieß er leise aus, seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. "Wie du redest, dich bewegst, mit mir sprichst, gehst, schaust. Dein Lachen." er machte eine Pause. "Dein Körper." zum Ende hin wurde er immer leiser. Eine Hand fuhr meine Taille entlang, meine Rücken hoch und zog mich noch enger an ihn. Die andere Hand umschloss fest die Meine. Mein Herz raste, hämmerte wie verrückt gegen meine Brust., nein Atem ging schneller. Die ganze Situation überforderte meinen Verstand. Mein Gehirn konnte nicht schnell genug denken, um alles zu kombinieren und zu verstehen. Ich wurde erst wieder meiner Umgebung bewusst, als ich eine Bewegung wahrnahm. Ezra beugte sich langsam zu mir vor, verringerte den Abstand zwischen uns. Unfähig in irgendeiner Weise zu reagieren stand ich einfach nur da, als sich seine Lippen auf meine pressten. Mein Herzschlag setzte für einige Sekunden aus, nur um dann umso schneller weiter zu schlagen. Reflexartig schloss ich meine Augen. Erst nach ein paar weiteren Sekunden realisierte ich, was hier gerade geschah, öffnete meine Augen wieder und drückte gegen Ezras Brust. Als er den Druck spürte löste er seine Lippen von meinen und trat einen Schritt zurück. Fassungslos guckte ich in seine Augen. Wir starrten uns einfach nur an, bis ich den Blickkontakt brach, drehte mich abrupt um und lief zur nächsten Bank, auf der ich mich nieder ließ. Meine Knie und Hände zitterten. Meine Gefühle spielten verrückt. Warum hatte er mich geküsst? Er hatte mir doch versichert nichts zu machen, was ich nicht wollte! Doch ich hatte mich nicht mal dagegen gewehrt. Ich konnte nicht mal sagen, ob ich gewollt hatte oder nicht. Aber - Nein. Ich hatte nicht gewollt! Bei dem Gedanken an den Kuss bekam ich eine Gänsehaut. Doch ließ sich nicht bestimmen, ob sie sich gut, oder schlecht anfühlte. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich, wie sich Ezra langsam neben mich setzte. Er wollte meine Hand nehmen, die in meinem Schoß lag, doch das alles war schon genug und ich zog sie weg. "Verzeihe mir." Ezras Stimme war leise und sanft. "Ich versprach nichts zu tun, was du nicht willst. Dieses Versprechen habe ich gebrochen. Doch ich werde nichts weiteres tun." "Woher kann ich wissen, dass du das diesmal hältst?" "Gar nicht. Du musst mir einfach vertrauen." Wie sollte ich ihm denn jetzt noch vertrauen? Schweigend saßen wir da. Es herrschte eine unangenehme Stille, doch keiner von uns wusste, wie er sie brechen sollte. Ich fühlte mich in einer Atr Trance. Alles erschien mir gerade unrealistisch und mein Leben, meine Familie und Freunde erschienen so weit weg. Sie existierten kaum noch, und wenn, dann waren sie an dem Rande eines anderen Universums.

Wolken zogen auf und brachten einen kühlen Wind mit sich. "Lass uns herein gehen." Ezra stand auf und reichte mir seine Hand. Ich nahm sie ohne wirklich hinzuschauen und ließ mich von ihm ins Schloss führen. "Hast du hunger?" Er versuchte Konversation zu treiben, doch ich schüttelte nur meinen Kopf. Essen - wie auch mit ihm reden - war jetzt das Letzte, was ich machen wollte, dafür war mein Magen viel zu aufgewühlt. Wir gingen trotzdem ins Esszimmer, wo der Tisch bereits gedeckt war. Doch ich nahm alles nur halb war. Ich konnte Ezra nicht das geben, was er von mir wollte. Ich konnte ihn mich nicht küssen lassen, ich konnte nicht so tun, als wäre ich freiwillig hier. Ich war noch nie in einer Beziehung und etwas wie 'Freundschaft +' kommt für mich nicht in Frage. Also zog ich mich in mich zurück. "Avelle." Ezra saß an seinem gewohnten Platz und musterte mich nachdenklich. Herausgerissen aus meiner Blase starrte ich ihn an. "Avelle, willst du ..." er holte noch einmal Luft, bevor er fortfuhr, "Willst du nach Hause?" Ich starrte ihn weiterhin nur an, nicht fähig zu mehr. "Was?" Ich glaubte, mich verhört zu haben. Alles wäre möglich, nur das nicht. "Wenn du willst, kannst du gehen. Du musst nicht länger hier bleiben." "Was ..." meine Stimme brach und ich musste meine Gedanken erst einmal sammeln. Ein leichtes Lächeln bildete sich auf meinen Lippen und fast automatisch begann ich schwach zu nicken. Doch dann, ganz langsam, sickerte die Bedeutung zu mir durch. "Was ist mit Ivana." "Ich lasse dich gehen. Ich will keine Gegenleistung!" er wirkte brüskiert. Mein Lächeln wurde breiter und ungläubig starrte ich Ezra an, als er aufstand und mir seine Hand hinhielt. Zögernd nahm ich sie und er zog mich hoch. Ein flaues Gefühl breitete sich in meinem Magen aus. Einige Sekunden blickten wir uns stumm in die Augen. Ihr eisiges Blau schien irgendwie trüb und aufgewühlt - es erinnerte mich an das Meer an stürmischen, verhangenen Tagen - und doch lag ein gewisser Glanz in ihnen. Für einen Moment war es, als würde ich in ihnen ertrinken. "Schließe deine Augen." Seine Stimme war leise, distanziert. Ich senkte meine Lider, zögerte skeptisch aber schloss sie schließlich ganz. Darauf folgten mehrere Dinge gleichzeitig. Ein merkwürdiges Gefühl breitete sich auf meiner Haut aus. Ich spürte einen starken Druck, wie Wind, der mich von allen Seiten zu umgeben schien. Der Boden unter meinen Füßen schien sich aufzulösen, was blieb, war Nichts. Ich wusste, dass ich stand, konnte mir aber nicht vorstellen worauf. Ich hätte volkommen die Orientierung verlohren, würde ich nicht Ezras warme Hand halten. Und dann war da wieder Boden unter meinen dünnen Solen, als wäre er von unten hochgefahren, wärend Ezra und ich in der Luft standen.
Mit dem verschwinden des Drucks riss ich meine Augen auf.

Wir standen in der Eingangshalle meines zu Hauses. Da war die hohe, helle Decke, über und über bunt bemalt. Die Wände mit den erneuerten elektrischen Lampen an der Wand. Das weiße Möbiliar ...

Alles kam mir ein wenig zu hell vor, nachdem ich mich jetzt an Ezras dunkle Einrichtung gewöhnt hatte. Die Sonne war schon untergegangen und die Lampen brannten in einem warmen gelb-orange.

Überwältigt, wieder hier zu sein - zu Hause, bei meiner Familie - vergaß ich, dass ich noch immer Ezras Hand hielt. Erst, als die Situation ein wenig realistischer wurde nahm ich seine warme Berührung wieder wahr. Ich entzog ihm meine Hand und mir kroch eine heiße Röte in die Wangen. Ich wusste nicht, was ich jetzt sagen sollte. Erwartete er etwas von mir? Ich drehte mich wieder zu ihm. Mein langes Kleid, welches ich noch immer trug raschelte leise bei der Bewegung. "Danke." meine Stimme klang schwach und leise und hallte gedämpft in dem großen Saal wieder. Ich konnte ihm nicht in die Augen sehen. Vorsichtig, als bestünde meine Haut aus Porzelan, nahm er meine Hände wieder in seine. "Du ..." begann er, "Ich ..." überrscht, dass er stotterte schaute ich zu ihm auf. Seine Augen funkelten traurig, aber auch verständnisvoll und unglaublich weich und irgendwie - glücklich. Sein Blick jagte mir einen warmen Schauer über den Rücken. "Du passt nicht in meine Welt, Avelle." sagte er schließlich. "Ich hatte nicht das Recht, dich zu zwingen bei mir zu bleiben. Ich wollte nie, dass du unglücklich bist." Es klang wie ein einstudierter Abschiedssatz. Er wollte sich abwenden und gehen, doch ich hielt ihn fest. "Warum lässt du mich jetzt gehen? Woher der Sinneswandel?" Ezra schien kurz zu überlegen und stellte sich dann nah vor mich. Wir waren uns nicht so nah, wie heute Mittag, doch ich konnte seinen Atem auf meiner Haut spüren. Gequält schaute er in meine Augen. Unter seinem intesiven Blick senkte ich die Lider, doch Ezra löste eine Hand aus meiner und strich zart über meine Wange und hob mein Kinn an, zwang mich so, im wieder in die Augen zu schauen.

"Weil ich dich liebe."

L'Histoire d'AvelleLies diese Geschichte KOSTENLOS!