Tränen

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(Matheus Sicht)

Tränen laufen über mein Gesicht. Was soll ich nur machen? Die Person, die mir am meisten bedeutet, liegt im Krankenhaus. Schwebt zwischen Leben und Tod. Ich tigere schon seit vier Stunden vor der Intensivstation auf und ab! Seit fucking vier Stunden! Ich habe die ganze Zeit Angst, dass jeden Moment der Arzt raus kommt und mir sagt, dass er tot ist. Und das alles ist meine Schuld. Naja. Eigentlich die meiner Ex. Hätte sie mich nicht geküsst, wäre Scott nicht weggerannt und dann wäre er nicht vors Auto gelaufen. Es ist alles ihre Schuld und ich schwöre, wenn Scott das hier nicht überlebt, vergesse ich mich und bringe dieses Miststück um! Ich habe so Angst. Was ist, wenn er stirbt? Was soll ich dann machen? Ich bin dann alleine. Meine Mum ist letztes Jahr gestorben und mein Vater geht nur noch arbeiten. Das ist auch der Grund, warum ich oder wir hier her gezogen sind. Zuerst dachte ich: „Ja super! Neue Stadt, neues Haus, neues Leben, neues Glück! Aber alles ohne Mum.“ Es hat mich so wahnsinnig traurig gemacht. So unendlich verzweifelt und einsam gemacht. Und dann traf ich ihn. Scott. Große Klappe, hamma Körper und einfach ein Traum. Ich fühlte mich wieder… bedeutend. Geliebt. Auch mit den Streitereien. Auch mit den Tränen. Ich wusste, ich habe jemanden gefunden, den ich nie mehr gehen lassen will. Und jetzt? Stirbt er? Bleibt er am Leben? Für mich? Ich will ihn nicht verlieren! Ich heul hier wie ein Schlosshund. Ich muss grinsen. Scott hat recht. Ich bin eine Pussy. Ich werde es vermissen, von ihm so genannt zu werden. Es ist ja sozusagen ein Spitzname von ihm für mich. Und das bedeutet mir viel. Niemand nennt mich so, nur er. Und dabei funkeln seine Augen so. Seine schönen, großen, braunen Teddybär Augen, die ich so sehr liebe. Ich habe das Glück gefunden und jetzt soll es mir wieder weggenommen werden? Das ist nicht fair! Warum ich? Erst meine Mum und jetzt Scott? Warum muss ich die Menschen verlieren, die mir so viel bedeuten? Ich starre auf das Licht des Schildes der Intensivstation. Es leuchtet Rot und Gelb. Was ist, wenn sie ihm nicht helfen können? Sie operieren nun schon knapp fünf Stunden an ihm. Was, wenn er ihnen entweicht. Wenn er stirbt. Aber das darf er nicht! Er kann mich hier doch nicht alleine lassen! Nicht nach alledem. Ich will ihn doch heiraten. Will ihn nie mehr loslassen. Er darf einfach nicht sterben! Er darf mich nicht alleine lassen. Ich lehne mich gegen die Wand und lasse mich hinuntergleiten. Ich lege mein Gesicht in meine Hände und schluchze. Weine. Ununterbrochen. Aber ich muss jetzt stark sein. Für Scott! Entschlossen richte ich mich auf, wische meine Tränen weg und setze mich auf die Bank. Gerade will ich wieder anfangen zu denken: „Was wäre wenn“, doch plötzlich geht die Tür auf. Also nicht die Tür, sondern DIE Tür. Das Schild der Intensivstation geht aus und ein Arzt kommt zu mir. Er bleibt vor mir stehen und schaut mich entschuldigend an. Nein! Bitte nicht! Das darf nicht sein! Das kann nicht sein! Unsere Zeit war nicht sehr lang, doch schön. Jetzt darfst du doch nicht gehen!  Ich flehe dich an! Bleib bei mir! Sei am Leben! Bitte Scott! Ich fange wieder an zu weinen. „Bitte nicht“, schluchze ich. Der Arzt mustert mich traurig.  „Es tut mir so leid“, sagt er. Er ist weg. Einfach weg. Aus meinem Leben gerissen. „Er wird es überleben. Sie können zu ihm“, sagt der Arzt. Ich schaue ihn verwirrt an. „Soll das witzig sein?! Wie soll ein Toter das überleben?! Ich meine, was soll er denn noch überleben? Er ist tot! Soll ich jetzt seinen Leichnam besuchen?! So etwas ist grausam!“, schreie ich ihn an. „E-Es tut mir leid“, sagt er betroffen. „Es tut Ihnen leid? Es tut Ihnen leid?! Schämen sie sich, sie beschissene Arschfresse!“, schreie ich weiter. „Es tut mir leid. Aber ihr Freund ist nicht tot. Er hat ein paar Rippenbrüche und sein Bein ist gebrochen, aber er wird es überleben. Haben sie mir denn gar nicht zugehört?“, fragt der Arzt etwas sauer. Eh… Ups! Peinlich! „Wo ist er?“, frage ich. „Folgen sie mir“, sagt er und geht voraus. Den Gang entlang und zu einem Zimmer. Zimmer MS16. Schon lustig. MS. „Bleiben sie nicht zu lange“, sagt der Arzt zu mir und verschwindet. Ich schaue die Tür an. Was ist, wenn er mich nicht sehen will? Wenn er mich anschreit? Wenn er mir sagt, wie sehr er mich hasst? Eine Träne läuft aus meinem Augenwinkel. Ich will da nicht rein! Doch ich nehme die Klinke in die Hand, drücke sie runter und trete ein. Ich schaue auf den Boden. Ich erwarte jeden Moment, dass er mich anschreit. Mich zum Teufel wünscht. Doch er sagt nichts. Ich schaue vorsichtig auf. Scott liegt in einem Bett und schaut mich an. „Scott…“, keuche ich und Tränen rennen aus meinen Augen. „Du lebst…“, sage ich und gehe einen Schritt auf ihn zu. „Bleib stehen!“, sagt er scharf. Ich halte inne. Ich wusste es! Er will mich nicht mehr. „Was willst du hier?“, fragt er kalt. War das sein Ernst?! „Wie was will ich hier? Was glaubst du denn?!“, frage ich wütend. „Keine Ahnung. Was soll ich denn glauben? Was kann ich denn glauben?“, fragt er. Ich schaue ihm in die Augen, doch sie schauen mich nur emotionslos an. „Scott, es…“ „Es tut mir leid. Aber ich kann das nicht mehr Matheus. Ich kann nicht mehr! Ich will deine scheiß Entschuldigungen nicht mehr hören! Es sind doch nur leere Worte!“, schreit er. „W-Was willst du damit sagen?“, frage ich panisch, doch ich will es nicht hören. „Es ist aus! Verschwinde! Ich will dich nie wieder sehen! Geh zu deiner Schlampe. Vergnüg dich mit ihr! Ich lasse mich nicht mehr verarschen! Ich wusste, es war ein Fehler dir zu verzeihen“, sagt er leise. Mein Herz zerspringt bei seinen Worten in tausend Teile. „Bitte nicht“, flehe ich. „Tut mir leid. Und jetzt geh bitte“, sagt er. Ich schaue ihm in die Augen und suche nach Emotionen. Die, die mir verraten, dass er es nicht so meint. Doch seine Augen strahlen nur Kälte aus. Ich weine noch mehr. „Scott… Ich…“ „Nein! Geh einfach. Bitte“, fleht er. Nun rennen auch ihm Tränen die Wange hinunter. Ich nicke. Lieben heißt gehen zu lassen. Ich drehe mich um und gehe aus dem Raum. Ich schließe die Tür und flüstere so, dass er es hören kann „Ich liebe dich Scott“. Ich höre ein Schluchzen. Ich schließe die Tür ganz und lasse mich an ihr herunter gleiten. Jetzt habe ich ihn verloren. Scheiße! Meine große Liebe. Einfach weg. Und wer hat Schuld? Die Schlampe! Dafür wird sie bezahlen! Wütend stehe ich auf und mache mich auf den Weg zu ihr. Draußen umhüllt mich sofort die Schwärze der Nacht. Es ist kalt geworden, doch die Wut lässt sie mich vergessen. Ich fange an zu rennen.

Außer Atem stehe ich nun vor ihrer Haustür. Ich will ihr das antun, was ich durchleben muss. Ich will sie Schmerzen spüren lassen. Sie verunstalten. Sie soll erfahren, was es heißt jemanden zu verlieren. Festentschlossen gehe ich zu Tür und klingel. Ich will ihr so viel antun. Ich will sie zerstören, doch ich kann nicht. Verzweifelt gehe ich ein paar Schritte zurück. Es wäre nicht richtig. „Scheiße!“, schreie ich in die Abendluft. Ich lege meinen Kopf in den Nacken, schließe meine Augen,  schreie und weine. Meine Lunge brennt, doch ich schreie einfach weiter. Ich schreie den Schmerz aus mir heraus, bis meine Stimme versagt. Ich öffne meine Augen und schaue in den Himmel. Ich schaue zu tausenden und abertausenden von Sternen hinauf. Sie sind so schön. Sie funkeln, wie Scotts Augen. Leuchten so hell, wie sein Lächeln. Sind so weit weg, wie seine Liebe zu mir. Ich werde ihn nie erreichen. Ich schaue weiter in den Himmel und weine. Weine um Scott. Ich hab so viel Schmerz in mir. Liebe heißt kämpfen und das werde ich. Ich werde um Scott kämpfen. Egal, was ich machen muss, ich werde es tun, wenn ich Scott damit zurück bekomme. Ich hole ihm die Sterne vom Himmel. Ich würde alles tun. Ich will ihn nur bei mir haben. Langsam setze ich mich in Bewegung. Denn genau das, werde ich ihm jetzt sagen, ob er es hören will oder nicht. Ich werde es ihm sagen!

Im Krankenhaus gehe ich an der Empfangsdame vorbei, die mir hinterher schreit: „Sir! Sie dürfen jetzt nicht mehr hier her!“, doch es interessiert mich nicht, was diese billige Schlampe zu sagen hat. Ich gehe zu Scotts Zimmer reiße die Tür auf, will gerade anfangen zu reden, doch ich halte inne. Scott liegt wie ein Engel im Bett und schläft. Ich lächele und setze mich zu ihm. Ich nehme seine Hand und schaue ihm in sein schlafendes Gesicht. Ich erkenne die Tränenspur an seinem Gesicht. Ich küsse vorsichtig seine Wange. Eine weitere Träne kommt aus seinem Augenwinkel, die ich mit meinem Daumen wegwische. Mein Daumen bleibt an seiner Wange hängen. Ich will sie nicht wegnehmen. Nie wieder. „Ich lasse dich nicht gehen Scott. Ich werde bis zum letzten Atemzug um dich kämpfen. Ich liebe dich“, sage ich und küsse seinen Mundwinkel. „Matheus“, murmelt er leise. Ich lächle. „Ich bin hier“, sage ich und streiche durch seine Haare. „Ich liebe dich“, sage ich nochmal und küsse ihn auf die Stirn. Ich lege meinen Kopf sachte auf seine Brust und schlafe ein.

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