Tag 7

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Seit ich letzte Nacht davongelaufen bin, hatte ich schon einiges erledigt. Ich war an meiner alten Schule und im Kindergarten, bei meinen Freunden (auch wenn sie mich nicht bemerkt haben, da ich es nicht über mich brauchte, mich zu verabschieden), und an vielen anderen Orten, die mir im Leben etwas bedeutet hatten. Zuletzt fand ich mich auf dem Friedhof neben der Kirche wieder, vor dem Grab meiner Großeltern. Dies war die letzte Station. "Bald begegnen wir uns, dann bin ich auch bei euch." Meinte ich. "Oh ja, schon sehr bald sind deine Stunden gezählt. Nicht mehr lange und du befindest dich an einem anderen, möglicherweise besseren Ort, als hier auf der Erde." Ich zuckte zusammen. Hatte der mich also doch noch gefunden. Langsam drehte ich mich zu ihm um und sah im direkt in die Augen. "Wo komme ich nach dem Tod hin?" Er lächelte mich unschuldig an. "Das weiß keiner so genau, es wird später noch entschieden. Aber genau diese Frage haben sich schon so viele Menschen gefragt, und die haben es später sicher nicht bereut. Im Gegenteil. Ich denke, deine Seele wird glücklich werden."

"Und, wie lange noch?" Fragte ich nervös. Denn mein letzter Tag hat inzwischen schon den Nachmittag überstanden. Trotzdem hatte ich alles erledigt, was ich wollte. Aber irgendwas wollte ich noch, nur hatte ich keine Ahnung, was es war. Ronalds Blick machte mich immer noch nervös. "Ich denke, du hast noch etwa zwei Stunden, " antwortete er leise. In meiner Jacke spürte ich die kleine Flasche aus der Bibliothek. Ich trug sie schon die ganze Zeit bei mir, denn ich wollte es nicht verpassen, sie zu öffnen. Hoffentlich brachte es mir irgendwas.

Ich nickte stumm. Ich ging ein paar Schritte, bis ich aus dem Friedhof draußen war, in den angrenzenden Wald hinein. Ronald folgte mir schweigend. Ich lief eine Weile, nur um mich zu bewegen und die Natur zu betrachten. Die Vögel und die Bäume. Der Boden mit Insekten. Ich trug ein Gefühl des Glücks in mir, trotz der Tatsache, dass dies mein letzter Spaziergang war. Ich lief so lange, bis ich an der mir sehr bekannte kleine Lichtung ankam, wo ich als Kind immer gespielt hatte, wenn ich alleine sein wollte. Hier würde ich sterben. Inmitten von Natur, es schien mir ein guter Ort zu sein.

Ich legte mich auf den Boden, um den schönen Himmel zu betrachten, der mit rosa Wolken und einzelnen Sternen bedeckt war. Mit beiden Händen hielt ich die Flasche umklammert. "Was ist das?" Wollte Ronald wissen. "Ein Geschenk." Lächelte ich. Er zuckte nur mit den Schultern und legte sich neben mich, um dem Himmel zuzuschauen, der faszinierende Wolken zauberte. "Und, ähm, bekomme ich bitte meine Uhr zurück? " Ich unterdrückte mein Lachen, denn diese Frage hätte ich jetzt am wenigsten erwartet. Wortlos gab ich ihm die Uhr. Er sah kurz prüfend auf den Minutenzeiger, bevor er sie sich breit grinsend anlegte. "Dann hast du also den Zettel gefunden." Meinte er belustigt. War es seine Absicht, dass ich ihn fand? Nein, bestimmt nicht. Aber langsam wurde mir etwas klar. Ein Gefühl, das ich immer unterdrückt habe. Aber nein, mit so etwas die letzten Minuten zu vergeuden....  warum eigentlich nicht? 

"Ich möchte bei dir sterben." Sagte ich schließlich nach ein paar Sekunden Überwindung. Er lachte nur und rückte näher an mich heran. "Wenn das dein letzter Wunsch ist." Oh ja. Ich hasste diesen Shinigami so sehr. Aber auf eine Art und Weise, wie ich es wohl nie verstehen würde. Woran sterbe ich? Fragte ich mich im Stillen. "In weniger als zwei Minuten wirst du einen Herzstillstand erleiden, warum auch immer." Stellte Ronald fest, als hätte er meine Gedanken gelesen. Ich nickte.  "Ich habe keine Angst." Seine grünen Augen musterten mich. "Gut. Das ist.. gut."  Langsam beugte er sich vor. Ich wusste nicht, was er da tat. "Erfüllst du mir bitte auch einen Wunsch.?" Er kam näher, bis sich unsere Lippen leicht berührten. Und da wurde mir bewusst, dass er mein Tod sein würde. Das war sein Todeskuss, das letzte Geschenk an mich. Vielleicht war ihm nicht bewusst, dass er selbst der Grund meines Herzstillstands war, aber ich genoss diesen Moment. Es war so schön. Bis ich in seinen Armen schmerzhaft zusammensackte. Es war zu viel für mich. In meinen Ohren rauschte es, nur im Hintergrund bemerkte ich ein Motorgeräusch. Vor meinen Augen tanzten bunte Pünktchen, danach spürte ich nichts mehr. Nur unglaubliches Glück. Ich sah mein Leben vor mir, es zog wie ein Bilderregen an mir vorbei. All diese Momente nahm ich ein letztes Mal in mir auf. Bis zu dem Moment, in dem Ronald mich küsste. Dann öffnete ich mit letzter Kraft die Flasche. Ich sah alles noch genau vor mir, wie Silber den Himmel tränkte, alles bedeckte. Und das ist mein letztes Geschenk an diese Welt, und an Eric Slingby, der mit Sicherheit hier irgendwo war und es mit Faszination miterleben konnte. Dieses wunderbare Summen in der Luft. Es war beruhigend und immer gleich, doch es kam mir vor wie eine Sinfonie der Engel. Alles war von dem unglaublichen Glanz der reinen Seele umhüllt. Sie gab jedem Lebewesen eine schöne Erinnerung bis zum Ende. "Oh Lisa!" Hauchte Ronald. Ich selbst hatte ebenfalls Tränen in den Augen, so wunderschön war die Seele. Sie wird die Welt in eine Bessere verwandeln. Ich erlebte diesen letzten Augenblick, der wohl der Schönste meines Lebens war. Langsam verschwamm Ronalds Gesicht vor meinen Augen. Die letzte Träne lief über mein Gesicht, bis ich den letzten Atemzug in seinen Armen tat und.....

.....starb.


Sorry, es ist doch etwas kitschig geworden...  
Danke für Lesen!
Hoffe, es hat allen gefallen, obwohl es ein etwas "unrealistisches" Ende bekommen hat. Bitte schreibt mir Kommentare, sagt was ich noch verbessern kann :)

Grüßchen, eure eveyama ^-^

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