Tag 6

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Ich konnte es nicht fassen, dass ich jetzt tatsächlich hier war. Diesen Ort kannte ich normalerweise nur aus einem gewissen Anime. Die Bibliothek der Shinigami. "Na, passt die Kappe?" Alan stupste mich freundschaftlich in die Seite. Er hatte mir eine Black-Butler-Fan-Kappe geliehen, die wohl zur Tarnung dienen sollte. Ich persönlich war von dieser ganzen Situation allerdings nicht sehr überzeugt. Denn diese 'klitzekleine Bitte', von der Eric sprach, war vielmehr ein Verbrechen.  Ich nickte. "Okay. Wir begleiten dich noch zu dieser Tür. Du weißt ja, ich brauche dieses Buch. Naja, es ist eigentlich kein Buch, sondern... du weißt schon. " er lachte. Cinematic Record. "Nur dummerweise steht es unter strengster Bewachung. Sie besteht aus einer Art elektricher Sperre, wie ihr Menschen das bezeichnen würdet. Eine Wand, die speziell nur für Überwesen entwickelt wurde, da es nie vorkommt, dass ein Mensch hierher kommt. Einen Schritt da rein und- weg. Du als Mensch kommst da sicher super durch. Wir glauben an dich!"   "Dann soll ich es stehlen?" Fragte ich skeptisch nach. "Nein nein, nur ausleihen. Das ist schon okay." Beruhigte Eric mich. Ich wusste nicht, warum er dieses 'Buch' so dringend haben wollte. Aber Sebastian hat gesagt, ich soll ihn nicht danach fragen. War mir eigentlich auch egal. Ich zog mir die Kappe tiefer ins Gesicht. Alan nahm mich an die Hand und öffnete die schwere Tür der Bibliothek. Sofort kam etwas längliches auf uns zugeschossen, wir konnten gerade noch so in Deckung gehen. "William!" Rief Alan entsetzt. Was, William? Verdammt, er kannte mich! Nervös zog ich mir die Kappe tiefer ins Gesicht. Eric kam herein. "Senpai, bist du verrückt?! Uns einfach mit deiner Death Scythe...." William ließ den Astschneider zurückgleiten und schob sich die Brille hoch. Er sah angewiedert aus. "Ich habe diese dreckige Aura sofort gespürt. Sebastian Michaelis! Dass ein Wesen wie er es wagt, unser Territorium zu betreten..." er schüttelte den Kopf. Dann sah er Eric durch seine schmale Brille emotionslos an. Zumindest sah es emotionslos aus, aber man konnte spüren, dass er innerlich kochte vor Wut. "Eric Slingby, Alan Humphries. Mir scheint, Sie beide würden sehr gerne degradiert werden." Alan erstarrte. "Nein, Sie verstehen das falsch, Senpai!!"  Sebastian trat vor und hielt ihn zurück. "Bitte entschuldigen Sie mein unerlaubtes Eindringen. Aber im Augenblick haben wir es etwas eilig." Er marschierte auf William zu, der ihm eilig Platz machte und ihn vorbeiließ. Alan zog mich hinter sich her, Eric folgte uns. "Hey, wa- was erlauben Sie sich!" Wir ließen ihn einfach stehen. Ich bewunderte diese wunderbare Bibliothek, überall waren riesige Regale mit fahrbaren Leitern dran. Und diese Aussicht auf das andere Ende des Gebäudes! Die Gänge waren von kunstvollen Geländern abgetrennt, vor denen helle Steinbänke eine Sitzmöglichkeit boten. In der Mitte war nichts. Man hatte eine super Sicht auf die gegenüberliegende Seite. Ganz unten war ein Denkmal vom Undertaker,  der bei den Shinigamis offenbar als legendär galt. Es war endlos groß hier drinnen. "Gefällts dir?" Lächelte Eric, als er meinen staunenden Blick bemerkte. Ich nickte. "Es ist... wunderschön. " Antwortete ich. 

Wir liefen eine Weile, bis wir vor einer art Tor ankamen. Es war groß und versilbert, umrandet und verziert von faszinierenden Mustern, die in den hellen Stein gemeißelt wurden. Und es war verschlossen. "Hinter dieser Tür ist unser Heiligtum,  das Herzstück dieser Bibliothek. Siehst du das? " Alan zeigte auf ein ganz schwach flimmerndes Netz, das die Tür bedeckte. "Das ist die Wand, von der Eric erzählt hatte. Wir dürfen sie nicht berühren, aber du solltest da locker durchkommen können." Ich starrte auf das Flimmernetz. "Ich hab keinen Schlüssel, " antwortete ich und lächelte leicht, als ich daran dachte, wie Ronald mich genau daran  vor ein paar Tagen erinnert hatte, als ich meinen Schlüssel vergessen hatte. "Es ist offen. Die Wächter dieser Tür sind der Meinung, dass die Sperrwand ausreicht." Meinte Sebastian. Aha, ganz schön nachlässig von den Shinigamis. Aber ein Vorteil für mich! Ich machte einen Schritt in Richtung Tor und fasste mit der Hand durch die Flimmerwand. Es geschah nichts. Erleichtert machte ich einen Schritt hindurch und drückte die schwere Tür auf. Innen stand eine Glasvitrine, die nicht weiter gesichert war. Also echt, so nachlässig hätte ich mir die Shinigamiobrigkeit nun wirklich nicht vorgestellt. Und da lag er. Der eine Cinematic Record, den ich holen musste. Vorlichtig schob ich die Glasscheibe beiseite und hob die kleine Flasche, in der ein silbriges Band herumzappelte, von ihrem Glassockel und wandte mich schnell wieder zur Tür. Endlich draußen. Ich überreichte Eric die Flasche, der sie überglücklich entgegennahm. "Vielen Dank! Das wird mir sehr nützlich sein." Strahlte er. Auf einmal erklang hinter uns eine kratzige, alte Stimme. "Entschuldigung, wenn ich mal kurz vorbeikönnte, verzeihung..." ich drehte mich um. Ein alter Mann mit langen, silbrigen Haaren schlurfte mit einem Bücherwagen an uns vorbei. "N8, N8. Na, wo ist sie denn." Suchend fuhr er mit seinen langen, knöchrigen Fingern am Regal entlang. Er trug einen schwarzen Zipfelzilynder, dazu ein passend dunkles Gewand mit grauer Schärpe und hochhackigen Stiefeln. Er kam mir sehr bekannt vor. "Undertaker?" Fragte ich erstaunt. Er drehte sich mit einem breiten Grinsen zu mir um. "Hallo," krächzte er und winkte. Eric wirkte erstaunt. "Was machst du denn hier? Bist du nicht schon längst in Rente gegangen? " Undertaker kicherte. "Nun, ich bin hier, um ein paar ausgeliehene Cinematic Records wieder zurückzugeben. Nichts weiter." Er zog einen dünnen Sabberfaden ein und grinste mich breit an. "Soso, das ist sie also...hehe..." "Du kennst mich?" Wunderte ich mich.  Er nickte langsam. "Hmm. Ja, ich habe von dir gehört, thihihi.... aber bitte entschuldigt mich jetzt, ich habe noch etwas zu erledigen. " Der Undertaker zog einen Knochenkeks hervor und knabberte daran. Dann drehte er sich um und schlenderte kickernd davon. Ein seltsamer Kerl, dachte ich. "Lisa." Eric stellte sich vor mich und sah mich dankbar an. "Vielen Dank. Du hast so viel Zeit geopfert, obwohl du selbst nur noch eineinhalb Tage zu leben hast. Das zeigt deine gute Seele. Es ist wirklich schade, dass du nicht mir zugeteilt wurdest, ich finde dich sehr interessant!" Er lachte. "Als Zeichen meiner Dankbarkeit werde ich dir jetzt dabei helfen, mit dem Leben abschließen zu können und bei deinen Mitmenschen in Erinnerung zu bleiben. So." Er hielt mir die Flasche mit dem Cinematic Record hin. "Was soll ich damit?" Fragte ich verwundert. "Da drin ist eine ganz besondere Seele. Sie lag unter Bewachung, weil sie die reinste Seele ist, die jemals gesammelt wurde. Ich will sie dir schenken. Ich wollte, dass du sie holst, weil ich gerne einmal im Leben ihren wundervollen Glanz erleben wollte. Außerdem finde ich, so eine reine Seele sollte nicht in irgendeinem Raum einstauben. Ich möchte sie der ganzen Welt zeigen, damit jeder ihre Schönheit erfährt. Außerdem, wenn die Menschen von ihrer Liebe erfüllt werden, könnte das diese Welt um einiges verbessern.  Deswegen bitte ich dich darum, sie kurz bevor du stirbst freizulassen. Du wirst staunen, was passiert." Er lächelte. Die reinste Seele, die jemals eingesammelt wurde? Er will also ihren "Glanz" sehen, wenn ich sie dann freilasse. Nun gut. "Okay." Nickte ich.

Den Nachmittag verbrachte ich damit, in der Gegend herumzulaufen und meinen Lieblingsplatz im Park aufzusuchen. Am Abend dann war ich zuhause bei meinen Eltern. Sie merkten, dass mit mir etwas nicht stimmte. Den ganzen Abend lang musste ich meine Tränen zurückhalten, denn wenn ich meine Eltern sah, machte es die ganze Situation nur noch schlimmer. In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen. Die Flasche stand in meinem Kleiderschrank versteckt. Was wohl passieren würde, wenn ich sie öffnete? Eric hat mir versprochen, ich würde so meinen Liebsten in Erinnerung bleiben. Es brach mir das Herz, länger darüber nachzudenken. Irgendwann stand ich auf und schlich mich ins Schlafzimmer meiner Eltern. Ich sah sie an, bis ich mich nicht mehr halten konnte. Erinnerungen schossen durch meinen Kopf. Wie mir meine Mutter damals die Schultüte überreicht hat, wie ich mit meinem Vater im Freizeitpark das Teetassenkarussell gefahren bin...und vieles mehr war in meinem Kopf wie in einer Schublade gespeichert. Doch irgendeine Sache, die ich nicht zuordnen konnte, schwirrte noch in mir umher. Ronald. Was er wohl tat? Ich wusste, dass das unnötig war, aber ich machte mir aus irgendeinem Grund Sorgen um ihn. Was empfand ich nur? Es war Hass. Und... Liebe.

Von meinen wirren Gefühlen ergriffen beugte ich mich vor und strich meiner Mutter sanft eine Strähne aus den Augen. Meinem Vater gab ich einen leichten Kuss auf die Wange, wovon sie nicht aufwachen konnten. "Mama, Papa, machts gut. Und danke für alles." Flüsterte ich, während mir nun leise die Tränen über mein Gesicht liefen. Länger hielt ich es nicht aus, ich musste hier raus. Und diesmal wird es ein Abschied für immer sein.

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