Kapitel 1 Eissturm

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Kellvian Belfare sah aus dem Fenster um den Kopf freizubekommen. Draußen hatte leichter Schneeregen eingesetzt, der das Land unter einem schmutzig grauen Schleier begrub. Trotzdem spürte man in dem Zimmer in dem er sich befand nichts von der Kälte.

 In der Ferne schienen Himmel und Meer miteinander zu verschmelzen, während die Brandung beständig gegen die Küste Cantons schlug. Ab und an, wenn sich die Wellen zurückzogen konnte man die Umrisse von Gebäuden und Ruinen unter der Oberfläche des westlichen Meeres erahnen.

Kell wendete den Blick von den tobenden Elementen ab und wendete sich wieder dem Blatt Papier vor ihm zu. Seit nun mehr als einer halben Stunde versuchte er, einen Brief zu schreiben.

Ein dutzend zerrissene oder zusammengeknüllte Pergamentfetzen lagen bereits auf dem Fußboden und dem Schreibtisch verteilt. Das Licht eines heruntergebrannten Feuers erhellte den Raum trotz des draußen aufziehenden Sturms und schuf eine behagliche Atmosphäre. Ihm jedoch war ganz und gar nicht wohl zu mute. Er stand auf und warf noch einige Holzscheite ins Feuer, die sofort hell aufloderten und die Kälte abhalten würden. Das Haus in dem er sich befand war eines der wenigen, die den Absturz der fliegenden Stadt vor gut drei Monaten weitestgehend intakt Überstanden hatten, eine für die Verhältnisse der einstigen Hauptstadt Cantons fast schlichte Villa, die am Rand der Klippen aufgeschlagen war. Die Schäden an der Stadt waren gewaltig, eigentlich war kaum etwas übrig geblieben, dachte Kell.

Seufzend setzte er sich zurück an den Schreibtisch, der den Großteil des Raumes einnahm, in dem er sich befand. Der Rest wurde von einem gläsernen Bücherschrank und einem dunklen Sessel eingenommen.

Kellvian überlegte erneut, wie er anfangen sollte. Vielleicht ja so.

,,An die Herren de Immerson,

mit größten bedauern muss ich ihnen mitteilen, das Walter de Immerson sein Leben gab um…“

Er hielt inne, las die Zeile einmal und strich sie dann wieder durch.

Kell versuchte es noch einmal.

,,Ich muss leider berichten, das Walter de Immerson in Ausübung seiner Pflicht...“

 Schwachsinn, schon wieder. Er zerknüllte das Blatt und warf es achtlos hinter sich. Es gab keinen guten Beginn, nicht wenn er einer der mächtigsten Adelsfamilien in Canton erklären wollte, wieso einer ihrer Söhne tot war. Kellvian lehnte sich auf seinem Platz zurück und schloss einen Moment die Augen. Tyrus hatte ihn gerettet, aber ob er ihm damit einen gefallen getan hatte… Der alte Magier hatte es wohl geglaubt.

Er hörte, wie sich die Tür öffnete, achtete aber kaum darauf. Er konnte nur hoffen, dass es nicht Dagian war, der ihm einen weiteren Vortrag halten wollte. Kellvian hatte sich erst halb umgedreht, als er erkannte, dass es nicht der Hochgeneral war.

Die Gestalt, die eintrat war zierlich zu nennen. Grüne Augen funkelten in einem katzenartigen Gesicht, das mit grauem Pelz bedeckt war. Ein Kapuzenmantel in der gleichen Farbe  viel ihr über die Schultern und Rock und Hemd schienen  grade zu mit dem Fell der Gejarn zu verschmelzen. Sie sah sich einen Moment um, überrascht von dem Durcheinander aus tintenfleckigen Zetteln und Papier.

,,Hey, was machst du den ?“ Jiy hob einen der zerknitterten Papierfetzen vom Boden auf und strich ihn mit der Pfote glatt.

Zum ersten Mal seit einer Weile war ihm wieder zum lächeln zumute. ,,Politik.“ , meinte Kellvian nur. ,,Ich weiß beim besten Willen nicht, was ich schreiben soll…“

Jiy beugte sich vor und sah ihm über die Schulter. ,,Wie wäre es damit : Schreib einfach die Wahrheit.“

,,Die Wahrheit wollen sie aber sicher nicht hören.“ , erwiderte er.

Die Archonten der inneren Stadt (DKDFS 2)Read this story for FREE!