Kapitel 2 - Das Foto

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"...fstehen! Mr. Chaiban wartet sicher schon!" trällerte eine hohe Stimme in freudigen Ton und weihte mich somit in den ersten Tag meines grauen und trostlosen Sommers ein. Ihre Stimme klang in dieser endlosen Stille viel zu schrill und nervig. Ich wollte gerade etwas erwidern, als sie mir auch schon die Decke wegriss. Augenblicklich war die wohlige Wärme, die mich umhüllt hatte, verschwunden und an ihrer Stelle blies die kalte Morgenluft um meinen zusammengerollten Körper, der zu zittern anfing. Mit geschlossenen Augen und klappernden Zähnen tastete ich nach meiner Decke, vergeblich. Ein genervter Blick auf meinen Wecker, neben meinem Bett, verriet mir, dass wir erst 7.00 Uhr früh hatten und ich seufzte laut auf, ehe ich die Decke fand und sie über mein Gesicht zog.  Sofort machte sich ein wohliges Gefühl in meinem Körper breit. "Zu früh." nuschelte ich knapp und fiel beinahe wieder in meinen Schlaf zurück, als mir erneut die Decke weggezogen wurde. "Nichts da, aufstehen." befahl sie nun ernster. Ich rollte mit den Augen und stöhnte, während ich mich widerwillig aufsetzte. Müde rieb ich mir die Augen und schaute in das grinsende Gesicht meiner Tante. "Wenn du fertig bist, komm runter." sagte sie, als sie zur Tür lief und sich dort nochmal zu mir umdrehte. "Und wehe du schläfst wieder ein." Mit diesen Worten schloss sie hinter sich die Tür und ließ mich alleine zurück. Kurz spielte ich mit dem Gedanken mich wieder ins Bett zu legen, verwarf diesen jedoch sofort wieder. Es brachte nichts mit Tante Ann zu streiten, sie gewann immer.

Der Geruch frisch gebratener Eier und Kaffee kam mir entgegen, als ich die Treppe zur Küche hinunter lief. Hungrig setzte ich mich an den Esstisch und nahm mir eine getoastete Brotscheibe, die ich großzügig belegte, bevor ich genüsslich hinein biss. "Und was muss ich jetzt bei dem machen?" fragte ich mit vollem Mund und runzelte verärgert die Stirn. "Alles was er sagt, Liebling." kam es von ihr, wobei sie sich jetzt endlich zu mir umdrehte, beide Hände um eine heiße Tasse Kaffee gelegt. "Und wenn er will, dass ich eine Bank ausraube?" Ihre Lippen formten sich  zu einem belustigteten Lächeln. "Dann tust du das. Aber natürlich nicht ohne etwas einzustecken." Liebevoll strich sie mir durch das Haar und verteilte einen Kuss auf die Schläfe, als sie meinen grimmigen Blick sah. Mürrisch kaute ich auf meinem Brot herum und schenkte mir Orangensaft ein. "Oh oh." entkam es meiner Tante, nach einem Blick auf ihre Armbanduhr. "Jetzt wird es aber Zeit." Hastig trank ich meinen Orangensaft aus, als sie mich auch schon zur Haustür hinaus schubste. "Das wird schon!" rief sie mir hinterher, als ich gerade die Straße überquerte. "Bestimmt." murmelte ich sarkastisch und klopfte an der hölzernen Tür.

"Wo soll ich die Schachtel hinstellen?" fragte ich schnaufend und hiefte die schwere Pappschachtel vom Boden. Er schenkte mir einen kurzen ausdruckslosen Blick, ehe er sich wieder seiner Zeitung zuwand. Angestrengt versuchte ich die schwere Schachtel nicht fallen zu lassen und umklammerte sie krampfhaft mit beiden Händen, wobei mein Gesicht vor Anstrengung rot anlief. Die scharfen Ecken bohrten sich schmerzhaft in meine Arme, während ich meine Zähne fest zusammen biss und auf eine Antwort wartete. "Bring sie runter." war seine knappe Antwort. Ich nickte angestrengt und machte mich auf den Weg zum Keller. Gestern hatte er ihn mir gezeigt und ich hatte schwere Kisten mit ungenutzen Dingen hinunter schleppen müssen und heute, am zweiten Tag: tat ich genau dasselbe. Die Tür öffnete sich knarrend, als ich sie mit meinem Fuß aufstoß, gab den Blick auf den spärlich beleuchteten Raum unterhalb der Treppe frei. Jetzt bloß nicht runter fallen, Jake. Mühsam linste ich über den Karton hinweg, um einen Blick auf die alten Stufen der schmalen Treppe zu erhaschen, während ich vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzte. Die Stufen quietschen bedrohlich unter meinem Gewicht und ich befürchtete bei jedem Schritt, den ich machte, sie würden gleich nachgeben. Die muffige Luft, die hier unten herrschte und selbst nach stundenlanger intensiver Belüftung nicht besser wurde, schmeckte staubig in meinem Mund und gab mir das Gefühl zu ersticken. Lächelnd machte ich einen Schritt von der letzten Stufe und atmete erleichtert aus, ehe ich einen weiteren Schritt machte und mit dem Karton in den Händen über die wirklich letzte Stufe stolperte. Krachend fiel ich zu Boden, der Inhalt des Kartons zerstreute sich vor mir und machte einen riesen Krach, als er gegen die anderen, bereits hergeschleppten Pappkartons, fiel und diese lautstark umschmiss. "Verdammt." murmelte ich und hustete gegen den Staub an, der beim Aufprall aufgewirbelt wurde. "Junge?" rief eine Stimme, desinteressiert von oben. Hastig rappelte ich mich auf. "Alles gut! Nichts passiert!" schrie ich nervös zurück und sammelte den Gerümpel vom Boden auf. Es war nichts interessantes dabei, ausschließlich alte Fotoalben, Bücher, Musikplatten und anderer alter Krimskrams, dem er keine Beachtung mehr schenkte und der somit hier unten landete. Ohne auf die Gegenstände zu achten packte ich zügig den Inhalt wieder in die Kisten, bis eine alte Pappschachtel in der Ecke des Raumes mein Interesse weckte. Von Neugier getrieben liefen meine Beine selbstverständlich auf die Ecke zu, ließen die anderen Kisten unbeachtet liegen. Vorsichtig durchwühlte ich den Karton, wobei eine ungewöhnliche Ruhe herrschte, selbst von oben war kein Laut zu vernehmen. Kurz blickte ich mich um, ging sicher, dass er auch nirgends zu sehen war, ehe ich mich wieder der Kiste widmete. Ordentlich beschriebene Notizenbücher, einige Stoffe und noch mehr Fotoalben fielen mir ins Auge. Doch sie wirkten nicht wie die anderen, alles in dieser Kiste wirkte gepflegt und lebendig, wie ein liebevollumsorgter Schatz. Am Boden des Kartons stießen meine Finger auf einen harten, flachen Gegenstand, der in samtigen Stoff gehüllt war, den ich nun stirnrunzelnd hervorholte. Mit flinken Fingern zog ich das Tuch ab und zum Vorschein kam ein glänzender, schlichter Bilderrahmen, in dem ein Foto steckte. Auf dem Foto, dass in dem Bilderrahmen steckte, waren ein Mädchen zusammen mit einem Jungen abgebildet, beide schienen etwas älter als ich zu sein. Das Mädchen lachte lebensfroh in die Kamera, während sie einen strahlenden Jungen ihren Arm um die Schultern legte und ihn fest an sich zog. Ihre Haare fielen gelockt auf ihre Schultern, ihre dunkelen Knopfaugen hatten etwas provozierendes an sich. Die lebensfreudige Aura, die sie umgab und der eigenartige Glanz in ihren Augen, verliehen ihr eine außergewöhnliche Ausstrahlung. Der Junge dagegen wirkte weniger aufbrausend, eher zurückhaltend fast schon schüchtern, lächelte er sie an. Doch auch wenn er seine Freude weniger deutlich zur Geltung brachte, sah man, dass er glücklich war und dass es an ihr lag. Irgendwie kam mir der Junge bekannt vor, er hatte wie das Mädchen ebenfalls braune, fast schwarze Haare, während seine Augen in einem satten Honig leuchteten. Irgendetwas... "Was machst du da?" fragte eine barsche, tiefe Stimme genau hinter mir und ließ mich erschrocken zusammen zucken, wobei mir der Bilderrahmen beinahe aus der Hand fiel. " Ich..." "Gib das her." unterbrach er mich und rieß mir den Rahmen aus der Hand. Verlegen und immer noch schockiert trat ich einen Schritt von dem Karton weg, sodass er meinem Platz einnehmen und sich schützend davor stellen konnte. Mit dem Rücken zu mir betrachtete er eingehend das Foto und strich mit dem Daumen immer wieder über das kalte Glas. "Raus." sagte er ruhig, leise, so ruhig, dass ich mir nicht sicher war ob er mich gemeint hatte. "Es..." "Raus." unterbrach er mich erneut, diesmal strenger, er schrie beinahe. Ohne ein weiteres Wort eilte ich mit zügigen Schritten die schmale Treppe hinauf und verließ schnell das Haus.

Der Mann, der niemals lachteLies diese Geschichte KOSTENLOS!