Tag 2

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Ich rannte. Wohin wusste ich nicht, aber ich wusste, dass ich wegmusste. Sonst würde er mich finden... hinter mir hörte ich den Motor einer Death Scythe. Das Geräusch kam immer näher, er  war drauf und dran, mich zu zerstückeln.  "Egal, wie sehr du kämpfst, du kannst dein Schicksal nicht ändern. Und egal, wie oft du mich fragst, ich kann nicht ändern, was auf meiner Liste steht. ..." hauchte mir der Wind zu.

Schweißgebadet setzte ich mich auf. Es war sechs Uhr morgens. Ich wusste, dass ich nicht mehr einschlafen konnte, also stand ich auf und zog mich an. Heute konnte ich mir viel Zeit lassen, ich war sogar noch vor Mina draußen an der Straße. "Nanu, warum heute so früh? " begrüßte sie mich. "Ich bin zu früh aufgewacht, " antwortete ich. Auf dem Weg zur Schule beschloss ich, ihr nichts von den gestrigen Ereignissen zu erzählen. Sie würde es ja doch nicht glauben. "Das ist doch toll, nicht wahr?" Lachte Mina. Fragend sah ich sie an. "Hast du nicht zugehört?"vorwurfsvoll warf sie ihre langen Haare zurück. "Ich habe gesagt, Lara ist mit Ronny zusammen! Und es interessiert dich einen Dreck, was deine Freundin. .." "Was?!" Unterbrach ich sie. Sie sprach von Larissa, die bei uns in der Klasse war. "Es ist noch nicht ganz sicher und ich weiß es nicht genau, aber ich glaube, die beiden hatten gestern Abend ein Date." Ich war sprachlos. Dieser perverse Mistkerl! Wenn er mich umbringen will,  nur zu. Aber was fällt ihm eigentlich ein, sich an meine Klassenkameraden ranzumachen?!

Der Tag heute verlief ähnlich wie gestern. Nur, dass Ronald mich diesmal ignorierte, was mir aber völlig egal war. In Englisch änderte sich die Situation allerdings schlagartig. "Ich erwarte, dass ihr das Projekt bis nächste Woche fertig habt, dann gibts die Noten. Ich werde euch in 4er Gruppen einteilen." Erklärte Mr. Cole. Ich war in der Gruppe mit Lara, Mina und Rick. Der nicht da war. "...ah, Ronald, bist du übrig? Dann geh doch bitte in Larissas Gruppe,  solange Rick krank ist." "Klar doch." Ronald schlenderte zu uns rüber, wobei er meinen giftigen Blick nicht beachtete. "Na, Ladys, alles klar?" Lächelte er, woraufhin Lara verlegen kicherte und leicht errötete. Gereizt knallte ich mein Aufgabenblatt auf den Tisch. Jetzt sollte ich auch noch in eine Gruppe mit ihm! Mina sah besorgt zu mir rüber, aber genau wie gestern schwieg sie lieber.

Nach der Schule verabschiedete ich mich von Mina und versteckte mich im Computerraum. Ich wusste nicht worauf ich warten sollte, aber als ich Ronald erblickte merkte ich, dass ich noch mehr herausfinden wollte. Ich wartete, bis er weiter weg war, bevor ich den Computerraum verließ und ihm heimlich folgte. Er schien nichts zu bemerken. Auf dem Pausenhof beobachtete ich, wie er mit einigen Mädchen flirtete und spürte, wie sich Wut in mir aufbraute. Er würde ihnen allen das Herz brechen, soviel war ja wohl klar. Ronald verabschiedete sich und lief die Straße entlang, bis er an einem Haus ankam. Dort sah er sich kurz um, nahm anlauf und kletterte die Wand hoch. Ich fluchte leise, entdeckte dann aber eine Feuerleiter. Sollte ich es wirklich tun? Klar, ich weiß ja, dass ich verrückt bin. Ich zögerte kurz, bevor ich begann, die Leiter zu erklimmen. Als ich fast oben war, blieb der Reißverschluss meiner Tasche hängen. Ich machte einen Schritt rückwärts, was dazu führte, dass mein Taschenrechner fast herausfiel. Verdammt, dieser Shinigami ist bestimmt schon über alle Berge! Ich hätte meine Sachen unten lassen sollen. Aus Angst, von einem Fußgänger entdeckt zu werden, beeilte ich mich und rutschte ab. Einen Schockmoment später merkte ich, dass mich jemand an der Hand gepackt hatte. "Ronald!" Ich schluckte. Er zog mich hoch, als wöge ich nicht mehr als eine Stoffpuppe. "Ich hätte nicht gedacht, dass du mir bis hierher folgen würdest. Was hast du dir dabei gedacht? Du hättest sterben können, wenn ich dich nicht gehalten hätte!"  Schimpfte er und setzte mich vor sich ab. Ich taumelte leicht und stützte mich an der Wand ab. "Dann... du hast es bemerkt? Ach, wenn ich runtergefallen wäre, wäre es dir doch egal! Im Gegenteil, du hättest dich doch gefreut, dass du weniger Arbeit hast! Was kümmert dich denn ein einfacher Mensch!" Wütend wandte ich mich ab. Es war mir etwas peinlich, entdeckt worden zu sein. Aber ich wollte verbergen, dass ich ihm irgendwie... dankbar war. "Glaubst du, ich hätte es nicht bemerkt?" Er lachte. "Aber, was du da sagst, stimmt nicht ganz. Es macht mir sehr wohl was aus, wenn du vor dem vorgesehenen Termin stirbst, du würdest mir eine menge Ärger mit dem Abteilungsleiter einbringen. Möglicherweise müsste ich dann auch noch einen Rechenschaftsbericht schreiben. Und diese Überstunden.." er schauderte bei der Vorstellung. "Meinst du William?" Fragte ich ihn. Er sah überrascht auf. "Woher weißt du das? " ich lachte. "Du weißt ja auch alles über mich. Es wäre ungerecht, wenn ich da nicht auch das eine oder andere über dich wüsste." Er setzte an etwas zu erwiedern, schüttelte dann aber den Kopf. "Geh nach Hause." Befahl er. Ich lächelte. "Wieso?" "Da wo ich hingehe, kannst du nicht mitkommen." Erwiederte er. "Du machst mich aber neugierig. " antwortete ich. Er lachte nur. "Mach deine Hausaufgaben. Oder irgendwas anderes, aber bring mich bitte nicht mehr in Schwierigkeiten." Ich schüttelte den Kopf. "Wir haben keine Hausaufgaben! " doch Ronald ist schon abgehauen, mit einer Geschwindigkeit, bei der ich ihm unmöglich folgen könnte.  So langsam könnte es mir doch Spaß machen, diesen Shinigami zu ärgern. Ich beeilte mich, nach Hause zu kommen, wo ich erst mal das Radio anmachte und ganz laut meine Lieblingsmusik hörte, die "Best of Club- sounds". Da ich sicherlich nichts gegen meinen bevorstehenden Tod unternehmen konnte, begann ich darüber nachzudenken, was ich eigentlich noch alles tun möchte. Das fiel mir sehr schwer, denn irgendwie nahm ich diese ganze Sache nicht wirklich ernst. Obwohl ich es besser ernst nehmen sollte, das wusste ich. Heute ist Mittwoch, das heißt, am Montag bin ich tot. Ich dachte daran, wie ich mein bisheriges Leben gestaltet habe. Irgendwie war es nicht besonders aufregend gewesen. Außerdem wollte ich mich an Ronald rächen, aber warum eigentlich? Er tat nur seine Arbeit. Trotzdem konnte ich ihn nicht wirklich leiden. In diesen Tagen wollte ich so viel Spaß wie möglich haben!

Am späten Nachmittag ging ich noch in die Stadt, um ein Plakat für das Englischprojekt zu besorgen. Aber, was ging es mich eigentlich noch an? Was gingen mich meine Noten insgesamt noch an? Ich hatte keine Zukunft mehr, in der ich sie brauchen könnte. Als mir das bewusst wurde, lachte ich bitter. Es war eine Mischung aus Lachen und Schluchzen, woraufhin der Kassierer mich verstört ansah. Ich bezahlte das Plakat und ging aus dem Laden ins Freie. Ich sah mich um. Hier bin ich schon so oft gewesen, schon als ich ganz klein war. Diese Stadt ist mir so vertraut. Bald werde ich weg sein, für immer. Ich versuchte, den Kloß in meinem Hals herunterzuschlucken und nicht mehr darüber nachzudenken. Wenn ich tot bin, kümmert mich das sowieso nicht mehr.

auf dem Weg nach Hause erspähte ich Ronald in der Eisdiele, mit Jennifer. Soso, das war also der geheimnisvolle Ort, an den ich ihm nicht folgen konnte.

Wieder in meinem Zimmer legte ich mich aufs Sofa und las ein Buch. Meine Mutter stand gerade in der Küche. "Hallo, Liebling! Wie war dein Tag?" Rief sie zu mir. "Ganz okay, wie immer." Log ich. Sie streckte den Kopf ins Zimmer. "Hast du nicht etwas verloren? Ich habe etwas im Garten gefunden, es liegt auf dem Tisch. Gehört es dir?" Ich sah auf und betrachtete den Gegenstand auf dem Tisch. Eine silberne Armbanduhr. Ronald. "Wo genau lag die?" Vorsichtig nahm ich die Uhr und legte sie mir spaßeshalber um das Handgelenk. "Direkt unter deinem Fenster." Gab sie zur Antwort. "Er war also da," murmelte ich.

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