Harrys POV:

Es war ein warmer Sommertag. Die Blätter raschelten leise im Wind und in der Luft lag ein leichter, angenehmer Blütenduft. Das Gesprächsgewirr der Passanten unten auf der Straße drang durch das offene Fenster in den Hörsaal herein. Eine Hupe ertönte, Reifen quietschten, dann war die aufgebrachte Stimme eines Mannes zu vernehmen. Sie war tief und rau. Ich schätzte ihren Besitzer auf Mitte 50. Raucher. Übergewichtig. Er regte sich in einer fremden Sprache auf (soweit ich es hören konnte, war es italienisch), dann verstummte die Unruhe wieder und ich versuchte, meine Konzentration auf meine Dozentin zu richten, die vor mir und meinen Mitstudenten stand und über Mietrecht redete. Nicht unbedingt mein Lieblingsthema. Sie roch nach Chanel No. 5, so wie eigentlich fast immer. Sie brachte jedes Mal eine riesige Parfümwolke mit sich, wenn sie den Raum betrat. Meistens trug sie Absatzschuhe. Das Klackern auf dem Parkett war unverkennbar. Früher hatte ich es geliebt, die Schuhe meiner Mutter anzuziehen und mich mit einer Bürste auf den Wohnzimmerteppich zu stellen und zu performen, egal ob mir jemand zusah oder nicht. Manchmal applaudierte meine Mutter unentwegt oder meine Schwester warf mich mit Stofftieren ab, schreiend dass sie ein Kind von mir wolle. Ja ich weiß. Wir waren peinliche kleine Kinder gewesen. Okay heute waren wir immer noch peinlich. Nur älter. Sie war sogar schon mit ihrem Studium fertig, während ich mich immer noch mit Jura rumschlug.

„Mr Styles?“ Mrs Miller riss mich aus meinen Gedanken. „Haben Sie nicht gehört? Ihre Mutter ist da“, sagte sie freundlich. Ich drehte den Kopf in ihre Richtung. „Hallo Harry.“ Jetzt erst fiel mir der süße Duft meiner Mutter auf, der plötzlich im Zimmer lag. Gemurmel zwischen den anderen. Ja klar, ich war der Freak, der immer noch von seiner Mutter abgeholt wurde. Aber was sollte ich tun? Ich war nicht in der Lage, Auto zu fahren und die U-Bahn zu nehmen war jedes Mal ein großer Aufwand. Außerdem hatte Mum mir gestern Abend bei unserem Telefonat angekündigt, dass ich eine Verabredung am Nachmittag haben würde. Und jetzt war Nachmittag. Ich suchte meine Sachen zusammen, stopfte sie umständlich in meinen Rucksack und stolperte aus der Bankreihe zum Ausgang. „Bis Morgen!“, riefen mir alle hinterher, was ich mit einem kurzen Nicken erwiderte. „Wie geht es dir?“ Meine Mutter klang etwas nervös. Ich runzelte die Stirn. Das war ungewöhnlich. Normalerweise war sie immer total relaxt. Dann strahlten ihr Gang und ihre Stimme eine ungeheure Gelassenheit aus. Normalerweise war ich eher derjenige, der nervös war, stolperte, sich verhaspelte oder sich sogar verlief. Okay, das letzte war wahrscheinlich ein verdammt mieses Beispiel. Sie hatte schließlich zwei Augen haha. Zwei funktionierende. Um sie etwas zu beruhigen, tastete ich nach ihrer Hand und drückte sie fest. „Willst du mir langsam verraten, warum du mich schon früher von der Uni abholst?“, beendete ich diese unerträgliche Stille. In meinen Ohren hatte es schon begonnen, zu pfeifen. Sie lechzten immer nach Anhaltspunkten, um sich zu orientieren, doch auf den Fluren war es leise und das Hallen unsere Schritte verhallte im Nirgendwo, bevor ich es begreifen konnte. „Das wird eine Überraschung mein Schatz“, meinte sie bloß und öffnete die quietschende Tür. Die schwüle, drückende Luft kam mir entgegen, sodass ich husten musste. Sie nannte mich Schatz. Das hatte sie lange nicht mehr gemacht. Also hatte sie etwas zu verbergen. Diese Verabredung würde nicht in meinem Sinne sein, das spürte ich.

Zuhause angekommen roch ich, dass Mum gekocht hatte. Spaghetti mit Tomatensoße. Wie auf Knopfdruck knurrte mein Magen. Mittags hatte ich nicht in der Cafeteria gegessen, da ich mein Tagebuch verloren hatte und es suchte, weil ich nicht wollte, dass es irgendwer anders fand. Zwar war es in Blindenschrift geschrieben, doch man wusste ja nie. Ich zog meine Schuhe aus und ging ins Wohnzimmer, wo ich mich auf die Couch legte. Mum folgte mir. „Harry... unser Besuch ist bereits da“, raunte sie in mein Ohr und ich spürte, wie sie sich neben mich auf die Sofalehne setzte. Erschrocken fuhr ich hoch. „Oops“, brachte ich nur heraus und spürte, wie die Hitze in mein Gesicht schoss. Toller erster Eindruck, egal wer dieser jemand war. „Hi“, erwiderte eine männliche Stimme, die jemandem in meinem Alter gehören musste. Verdutzt wandte ich mich zu Mum und merkte, wie sie ihre Hand auf meine Schulter legte. „Harry, dass ist Louis. Er... wird dein persönlicher Betreuer...“ Ich stieß einen gellenden Schrei aus. „Betreuer?! Mum seh ich aus wie ein Kleinkind?“ Ich sprang auf, schlitterte mit meinen Wollsocken über den Fußboden in den Flur, wo ich meine Sachen schnappte und aus der Wohnung stürmte. Mum und dieser Typ konnten mich mal!

Blind vor Liebe. Larry AU ✔Lies diese Geschichte KOSTENLOS!