Kapitel 3

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Ich sitze vor der Klausur und spüre wie Panik in mir aufsteigt. Krankhafte, eklige Panik. So eine Verdammt-davon-hängt-meine-Zukunft-ab-Panik. Es ist eigentlich eine einfache Biologie Klausur über Charles Darwin aber mein Kopf ist wie leer gefegt. Alles was ich weiß ist ein Zitat dieses Mannes "Nichts ergibt Sinn außer im Sinne der Evolution.", ich atme hörbar aus. Das kann ja was werden, denke ich und beginne tatsächlich mich darauf zu konzentrieren was jetzt bloß in die erste Aufgabe für eine Antwort kommt als die Tür zum Hörsaal auffliegt und - MUTTER MARIA GOTTES - Ma heulend auf mich zu rennt. Ich springe auf und danke Gott insgeheim, dass er Ma geschickt hat. Während ich sie einfach in den Arm nehme, mich tausendfach bei den anderen im Kurs entschuldige und sie dezent hinausführe heult sie Rotz und Wasser. "Ma was ist denn passiert?", sie schluchzt und es klingt wie ein gewaltiges Donnern "Opa ist im Krankenhaus! Er hat Krebs und Metastasen und Belle er wird sterben ich...ich will nicht das er stirbt. Du weißt wie sehr ich ihn liebe.", ich schlucke. Maras Opa? Krebs? Im Krankenhaus? "Oh Liebling.", ich nehme sie wieder in den Arm "Ich bin sicher alles wird gut. Dein Opa wird nicht sterben. Er ist doch genauso stark wie du oder?", ich lächle warm. Sie nickt und wischt sich die Tränen notdürftig mit dem Ärmer ihrer roten Sweatshirtjacke ab. Ich lache "Ich glaube du solltest dich neu schminken. Komm ich geh mit aufs Klo.", ich hake sie bei mir unter und marschiere in Richtung Klo. Mir ist klar, das ich jetzt die Starke sein muss, das ich jetzt für sie da sein muss und sie unterstützen und motivieren muss doch ich habe meine Zweifel, dass ich das alles durchstehe. Die Sache ist die: Dieses Schuljahr entscheidet über unsere Zukunft, unser Leben und über das unserer Kinder. Ich muss mich sehr anstrengen und viel lernen damit ich es schaffe und nicht untergehe. Mara hat eigentlich schon einen Job. Sie ist Teilzeitmodel und versucht so zwar nur ihr Taschengeld aufzupäppeln aber ich glaube sie zieht sobald sie alt genug ist richtig gute Verträge bei Labeln wie Chanel oder so an Land. Mein Nebenjob ist lediglich eine Bedienstete in dem Café am Strand. Das gute dabei ist, das ich im Sommer eine der wenigsten Kellnerinnen in Miami bin die im Bikini Bestellungen aufnehmen kann. Gelegentlich fällt so auch das Trinkgeld höher aus aber das muss ich ja niemandem auf die Nase binden.
Im Klo angekommen stoßen wir mit zwei jüngeren Mädchen zusammen die kichernd an uns vorbei rennen. Sie sehen sehr...erwachsen aus. Aber diese Art von Erwachsenen die nichts im Leben erreicht haben außer Sex. "Schlampen.", murrt Ma und spricht damit meine so schön umformulierten Gedanken aus "Wirklich.", Stimme ich ihr zu während wir vor den Spiegeln stehen und ich meine Mascara erneuere "Waren wir mit zwölf oder dreizehn so?", sie lacht "Hoffentlich nicht! Ich meine, wenn die ab zehn Uhr abends unterwegs sind werden die doch sicher von jedem zweiten Mann gefragt wie viel sie kosten oder?", wir sehen uns kurz schweigend an bevor wir losprusten vor lachen und ich mich am Waschbeckenrand festhalten muss um nicht vor lachen auf den Boden zu fallen. Plötzlich vibriert mein Handy. Eine Nachricht. "WER? WER?!", Mars hüpft absichtlich wie ein Kind auf und ab. Ich öffne Whatsapp und lese:

+1-4596-74
Hi Babe, ich bin's Austin. Heute Abend schon was vor?

Babe. Babe! BABE! Ich atme tief ein und aus. "Meine Mom. Meinte ob ich heute Abend lieber Lasagne oder Salat will.", lüge ich und Mara nickt "Du hast echt ein langweiliges Leben.", ich knuffe sie spielerisch in die Seite bevor ich Austins Nummer einspeichere und überlege was ich Antworten soll. Letztendlich entscheide ich mich dafür ihn schmoren zu lassen. Wenn er mich will, soll er mich kriegen aber niemand hat etwas davon gesagt das es leicht wird. Zufrieden über meine Entscheidung stecke ich mein Handy weg und trage noch einen Hauch mehr Farbe auf meine Lippen auf.

Gegen Nachmittag als die Schule aus ist laufe ich gerade an meinen Spind und will ihn öffnen als eine Hand mit voller Wucht dagegen knallt und mich hindert. Ich erschrecke mich zu Tode und zucke zusammen "Sag mal geht's no...", ich halte mitten im Satz inne "Warum antwortest du mir nicht?", seine Stimme hat immer noch dieselbe Wirkung auf mich wie heute morgen doch ich reiße mich zusammen "Weil ich im Unterricht war.", Austin lacht nur "Ach komm das war die schlechteste Ausrede die dir hätte einfallen können. Das kannst du bestimmt besser.", er flirtet mit jedem Bichstaben. Seine Zunge leckt kurz über seine Lippen bevor sie wieder verschwindet. Ich stelle sie mir an verruchten Orten vor und versuche mir vorzustellen wie sich seine Lippen wohl auf meiner Haut anfühlen würden "Hallo? Belle?", er winkt und sieht mich absichtlich verwundert an. Macht er sich über mich lustig? Ich schnappe empört nach Luft und öffne energisch meinen Spind. "Weißt du Mahone, es gibt da...verdammte Bücher...noch eine Menge anderer Leute mit denen ich schreibe und um ehrlich zu sein habe ich keine Ahnung ob ich heute Abend zeit habe und ich wollte nichts sinnloses schreiben. Ich schätze das tun weiß Gott wie viele andere Mädchen für mich.", damit knalle ich meinen Spind zu und marschiere Richtung Ausgang wo mich ein warmer Frühsommerlicher Tag erwartet. Naja eher Nachmittag. Ich überlege was ich heute noch lernen und vorbereiten muss als mich jemand am Oberarm packt und zurückzieht. Mahone. Wer sonst. "Ich will meine Antwort.", seine Stimme klingt beabsichtigt eisig. "Ich sagte doch ich weiß es noch nicht.", er leckt sich wieder unterbewusst über die Lippen "Ich brauch aber eine Antwort sonst...", er stockt und sieht sich um. Es scheint als würde er vorsichtig sein aber dann fällt der Groschen. "Kannst dem Mädel Sagen das es klappt. Ich brauch sowas nicht, ist mir egal.", er fährt sich halb verwirrt halb frustriert durch die ohnehin schon total zerzausten Haare. Das sieht unglaublich niedlich aus und ich stelle mir vor wie es sich anfühlt daran zu ziehen während er meinen Hals küsst und stöhnt weil es ihm gefällt wenn ich durch seine Haare fahre. "Hör zu Woods. Du bist das bockigste und zickigste Mädel das mir je untergekommen ist aber nein zur Abwechslung muss ich niemandem absagen wenn du ja sagst aber ich habe auch keine Probleme wen zu finden wenn du nein sagst.", faucht er "Beweis es.", provoziere ich "Ja oder nein?", ich schlucke. Ja oder nein, ja oder nein, ja oder nein? "Samstag ist mir lieber.", sage ich ausweichend. In Wirklichkeit fühle ich mich einfach nur noch nicht bereit etwas außerschulisch mit ihm zu machen. Er lächelt. Er hat ein so schönes Lächeln. Es ist ein ehrliches kleine-Jungs-Lächeln "Okay Samstag. Ich hole dich ab.", ich nicke "Uhrzeit?", er überlegt kurz "Ich schreibe dir okay?", ich nicke "Okay.", er lacht "Na schön. Dann bis Samstag.", sagt er und nimmt mich zu meiner Überraschung in den Arm. Er hat starke Arme und seine Umarmung fühlt sich an wie ein Mix aus Watte und einer Schrottpresse. Aber ich mag das irgendwie. Ich löse mich absichtlich etwas zu schnell um ihm nicht zu viel von 'mir' zu geben, winke ein letztes mal und mache mich auf den Weg heim. Samstag. Also noch fünf Tage. Ich lächle als mir bewusst wird das ich noch genügend zeit habe ihn näher kennen zu lernen bis mir einfällt, das er wahrscheinlich gar nicht mehr zur Schule kommt. Er ist ja Sänger. Ich glaube nicht, dass seine Fans es gutheißen würden wenn er ein Mädchen hätte. Ich verdrehe die Augen. Schon fängt der Stress an, denke ich und steige in den Schulbus der immer etwas später kommt. Kampf ums überleben, heißt es jetzt.

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