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gutenberg

on Jan 06, 2007
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Aus der Chronika eines fahrenden Schülers (Zweite Fassung)

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Aus der Chronika eines fahrenden Schuelers (Zweite Fassung)

Clemens Brentano

Vorwort

Vor funfzehn Jahren machte es mir Freude, die folgende einfache Geschichte niederzuschreiben. Sie sollte nur die Einfassung mehrerer schoener altdeutschen Erzaehlungen sein, die sie mit mancherlei Ereignissen aus dem Zusammenleben des alten Ritters Veltlin von Tuerlingen und seiner drei Toechter unterbricht, mit deren Versorgung und der Abreise des Erzaehlers sie schliesst. So lieb ich das Gedicht hatte, blieb es doch unterbrochen; der Sinn der Leser schien dazu zu fehlen. Jetzt, da diese Erzaehlung mehr, ja selbst die altdeutschen Roecke vor sich hat, fiel sie mir wieder in die Haende, und ich versuche es, sie den Lesern vorzulegen mit der Erinnerung, dass sie zu paedagogischen Zwecken entworfen worden, als ich von der sogenannten Romantik noch wenig wusste, und dass sie daher neben den allerneuesten Ritterromandichtern in ihrer redseligen Einfalt um Schonung bittet. Sollte dem Leser, durch Eisenfresserei und Islaendisches Moos verwoehnt, diese Geschichte wie unsre deutsche Kamillen--und Hollunderbluete nicht behagen, so bringe er sie einem kranken Freunde oder Maegdelein, denen sie Gott gesegnen moege!

Im Jahr, da man zaehlte nach Christi, unsers lieben Herrn, Geburt 1358, am zwanzigsten Tage des Maimonats, hoerte ich, Johannes, der Schreiber, die Schwalbe in der Fruehe an meinem Kammerfenster singen und ward innigst von dem Morgenlied des frommen Voegeleins erbauet, bedachte auch auf meinem Bettlein, wie die Schwalbe in daurender Freude lebet, gegen den Winter in ferne waermere Laender ziehet und, der Heimat getreu, gegen den Fruehling wiederkehrt; also nicht der Mensch, der arme fahrende Schueler, der wohl viel gegen Sturm und Wetter ziehen muss, ja der oft kein Feuer findet, die erstarrten Haende zu erwaermen, dass er sie falte zum Gebet; aber so er es ernstlich meinet, haucht er hinein.

Da ich in solchen Betrachtungen versunken war und das Schwaelblein auch auf seine Weise fortphantasierte, waere ich schier wieder eingeschlummert, aber der Waechter auf dem Muenster blies: "In suessen Freuden geht die Zeit", welches ich hier noch nie gehoeret; denn ich war zum ersten Male in Strassburg erwacht.

Nun richtete ich mich in meinem Bettlein auf, und schaute in meinem Gemache umher; das hatte aber Fenster rings herum und war in einem Sommerhaeuslein des Gartens. Links stand der Mond noch blass am Himmel, und rechts war der Himmel wie das lauterste Gold. Da fand ich mich zwischen Nacht und Tag und faltete die Haende, und es fiel mir freudig aufs Herz, dass heute mein zwanzigster Geburtstag sei, und wie mir es viel besser geworden als in dem letzten Jahre, da ich meinen lieben Geburtstag auf freiem Felde in einem zerrissenen Maentelein empfangen und mit einem Bissen Almosenbrot bewirten musste. O Freude und Ehre! dachte ich bei mir selbst und schaute zum Morgenlichte hin und sprach: "Du bist mein Licht, du wirst mein Tag!", glaubte auch schier in meiner Einfalt, der Himmel sei golden um meines Besten willen, die Schwalbe habe nur gesungen, mir Glueck zu wuenschen, und der Tuermer habe allein so lieblich geblasen mir zur Feier; da der Himmel sich doch nur geroetet vor der Sonne, die der Herr gerufen, da die Schwalbe doch nur gesungen in Gottes Fruehlingslust, und der Waechter nur geblasen zu Gottes Ehren, ja wohl gern noch ein Stuendlein geschlafen haette, so es ihm von den Muensterherren verstattet waere. Also wird der Mensch leicht uebermuetig in der Freude, und glaubet, er sei recht der Mittelpunkt aller Dinge, und sei er mit allem gemeint. Da liess ich die Augen froehlich in der Kammer umherschweifen, und sah auf dem Schemel ein neues Gewand liegen, das mir mein guetiger Herr und Ritter Veltlin von Tuerlingen am Abend im Dunkeln hatte herauftragen lassen, und konnte ich meine Begierde nun nicht laenger zurueckhalten, sprang auf von meinem Lager, und legte diese Kleider nicht ohne Traenen des Dankes an. Es war dies aber ein feines blaues Wams, um die Lenden gefaltet und gestutzet, und rot und weisses Beinkleid von laendschem Tuch, auch stumpfe Schuh und eine schwarze Kogel mit einer blauen Feder, nicht zu vergessen ein Hemmet von weissem Hauslinnen, am Halse bunt genaeht und gekrauset, dergleichen ich vorher nie getragen. Da ward es mir fast leicht und froehlich zumute, und haette ich wohl moegen einen Sprung tun, als haette ich einen neuen Menschen angezogen mit dem neuen Kleide.

Aber meine Hoffart waehrte nicht lange; denn mein zerrissenes Maentelein, welches ich als einen Vorhang vor das Fenster gehaengt hatte, erleuchtete sich durch die aufgehende Sonne, und alle seine Loecher waren so viele Maeuler und alle seine Fetzen so viele Zungen, die mich meiner toerichten Hoffart zeihten. Es war, als sage das Maentelein zu mir: "O Johannes, bist du ein so eitler Kaufherr, dass du, angelanget in den Hafen, des zerrissenen Segels vergisst, das dich in denselben gefuehret? Johannes, bist du ein so stolzer Schiffbruechiger, dass du das Brett, welches dich mit Gottes Huelfe an ein gruenes Eiland getragen, mit dem Fusse undankbar in die Wellen zurueckstoessest? O Johannes, du undankbarer Freund, willst du, gerettet, mich nicht auf deinen Schultern in ein Gotteshaus tragen und aufstellen als ein Gedaechtnis, dass sich Gott deiner erbarmet?"
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