Erinnerungen

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Nachts, ich liege in meinem Bett.
Die Fenster sind offen, die Rollos heruntergezogen und ich habe die Decke auf den Boden geworfen, trotzdem macht mir die Hitze so sehr zu schaffen, dass ich darüber nachdenke, besser im Keller zu schlafen, wo es selbst jetzt im Sommer eiskalt ist.
Aber ich bin zu müde um mich zu bewegen.
Ich wäre jetzt gerne im Garten. Früher sind meine Frau und ich fast jeden Abend im Sommer in den Garten gegangen, haben uns auf die Hollywoodschaukel gesetzt, wo wir uns dann bis spät in die Nacht hinein geliebt haben. Oder wir saßen einfach da, hatten die Arme um uns gelegt und sahen der Sonne beim Untergehen zu. Ein- oder zweimal sind wir sogar auf der Schaukel eingeschlafen und dann aufgewacht, wenn wir von der Sitzfläche gerutscht sind und auf der Wiese gelandet sind.
Ich lächle.
Jeden Tag wird mir wieder aufs Neue klar, wie sehr ich meine Frau liebe.
Ich erinnere mich noch genau an das Jahr, in dem wir geheiratet hatten. Wir kannten uns schon eine ganze Weile durch unser Studium an derselben Universität. Ich sehe den Augenblick, als ich um ihre Hand angehalten habe jetzt noch so genau vor mir, als würde es in diesem Moment geschehen.
In jenem Frühling waren wir beide seit zwei Monaten ein Paar und ich wusste schon zu diesem Zeitpunkt, dass sie das Mädchen war, mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen wollte.
Ich habe schon länger darüber nachgedacht, wie ich ihr einen Heiratsantrag machen konnte und eines Tages, an einem kalten, verschneiten Tag im März des glücklichsten Jahres meines Lebens, ergab sich mir endlich die Chance, auf die ich sehnlichst gewartet hatte.
Ich hatte sie eingeladen, mit mir auf einem zugefrorenen See Schlittschuh zu laufen, weil ich wusste wie sehr sie das mochte. Auf dem See waren außer uns noch wenige andere Leute, hauptsächlich junge Paare, so wie wir eines waren. Ich konnte nicht Schlittschuhlaufen und fiel ziemlich oft aufs Eis.
Als wir zu erledigt waren um weiter zu machen, gingen wir noch ein wenig in der Nähe des Sees spazieren. Von der Kälte waren ihre Wangen gerötet und sie hatte Schnee in den Haaren, sie war so schön und so rein wie ein Engel.
Dann war es soweit; ich kniete mich vor sie hin, fragte die Frage und hielt einen Ring in meiner Hand.
Aus lauter Angst hatte ich die Augen geschlossen, aber als ich sie aufmachte, sah ich sie mit ihrem wundervollsten, strahlendsten Lächeln, das ich jemals gesehen hatte. Sie fiel mir um den Hals und wir beide landeten im Schnee wo wir liegen blieben und uns fest umschlungen hielten.
Die Angst war wie weggeblasen.
Dann im Sommer hatten wir unseren ersten gemeinsamen Urlaub, wir hatten uns lange Zeit nicht zwischen Sonne und Meer oder Wäldern und Bergen entscheiden können. Letztendlich sind wir nach Kanada geflogen, weil wir uns Italien oder Spanien für den Winter aufheben wollten.
In Kanada sind wir viel umhergereist, wir hatten uns beide in die Natur verliebt. Die meiste Zeit verbrachten wir in den Wäldern, wo wir uns ein gemütliches Plätzchen suchten und dort ein Buch lasen oder uns einfach zum Schlafen hinlegten. Vor unserer Abreise verbachten wir außerdem zwei Tage in Toronto.
Als wir einmal an einem besonders großen See waren, der direkt zu den Rocky Mountains führte, nahmen wir uns ein kleines, motorbetriebenes Boot bei einem Bootsverleih. Mitten auf dem See stellten wir den Motor ab und liebten uns. Der See war verlassen, niemand hatte uns gesehen. Weil wir das Boot nur für eine Stunde gemietet hatten, tatsächlich aber vier Stunden unterwegs waren, mussten wir beim Bootsverleih eine Strafe zahlen, doch das war uns egal. Unser gemeinsames Glück war alles, was zählte.
Den Herbst haben wir hauptsächlich damit verbracht, die letzten Hochzeitspläne in die Tat umzusetzen. Als es dann endlich so weit war, kam ich mir wie der glücklichste Mensch auf der Welt vor. Sie sah in ihrem Brautkleid so umwerfend aus, so wunderschön, wie kein anderer Mensch den ich jemals gesehen hatte. Das war der glücklichste Tag meines gesamten Lebens.
Die Flitterwochen verbrachten wir dann wieder in Kanada, wir fanden beide, dass das Land viel zu groß und zu schön war, als dass die drei Wochen, die wir im Sommer dort verbracht hatten, gereicht hätten. Wir verbrachten die Zeit dort in einem Hotel, das so einen überwältigenden Ausblick auf die umliegenden Berge hatte, dass wir stundenlang nur auf dem Balkon saßen und die Aussicht genossen.
Im Winter waren wir dann meistens in dem kleinen Appartement in Berlin, das wir zusammen gekauft hatten. Wir hatten beide das Studium aufgegeben, weil wir uns wichtigeren Dingen widmen wollten und zwar unserer gemeinsamen Zeit. Wir lebten einfach in den Tag hinein, ohne Sorgen und ohne Verpflichtungen jemand anderem gegenüber, außer uns. Die Heizung funktionierte nicht richtig und wir saßen die meiste Zeit einfach auf dem Sofa und hielten uns eng umschlungen.
An Weihnachten versprachen wir uns ewige, kompromisslose Liebe; Neujahr wird mir immer als unvergleichliche Nacht der Leidenschaft in Erinnerung bleiben.
Ich öffne die Augen, durch die Rollos fallen ein paar dünne Lichtstreifen; die Sonne ist bereits aufgegangen.
Ich fühle mich erschlagen und drehe mich im Bett auf die Seite, um die Hand meiner Frau zu nehmen.
Doch sie ist nicht da.
Wie jeden Morgen trifft mich die Realität wie ein Schlag in die Magengrube. Ich lege mich wieder auf den Rücken und streiche mit meiner Hand über den leeren Platz in meinem Bett. Ich frage mich wie es meiner Frau geht. Und wo sie gerade ist.
Diese Frage kann niemand beantworten, es ist nicht einmal sicher, dass es überhaupt ein „wo“ gibt.
Die Erinnerungen an sie behalte ich in meinem Herzen, doch sie verschwimmen immer mehr und jeden Tag werden es weniger.
Bis irgendwann gar keine Erinnerungen mehr übrig sein werden…

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annakolb

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