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Deutsch
#124981

Die Verlobung in St. Domingo - Heinrich von Kleist

Die Verlobung in St. Domingo


Zu Port au Prince, auf dem franzoesischen Anteil der Insel St. Domingo,
lebte, zu Anfange dieses Jahrhunderts, als die Schwarzen die Weissen
ermordeten, auf der Pflanzung des Herrn Guillaume von Villeneuve, ein
fuerchterlicher alter Neger, namens Congo Hoango. Dieser von der
Goldkueste von Afrika herstammende Mensch, der in seiner Jugend von
treuer und rechtschaffener Gemuetsart schien, war von seinem Herrn,
weil er ihm einst auf einer Ueberfahrt nach Cuba das Leben gerettet
hatte, mit unendlichen Wohltaten ueberhaeuft worden. Nicht nur, dass
Herr Guillaume ihm auf der Stelle seine Freiheit schenkte, und ihm,
bei seiner Rueckkehr nach St. Domingo, Haus und Hof anwies; er machte
ihn sogar, einige Jahre darauf, gegen die Gewohnheit des Landes, zum
Aufseher seiner betraechtlichen Besitzung, und legte ihm, weil er
nicht wieder heiraten wollte, an Weibes Statt eine alte Mulattin,
namens Babekan, aus seinerPflanzung bei, mit welcher er durch seine
erste verstorbene Frau weitlaeuftig verwandt war. Ja, als der Neger
sein sechzigstes Jahr erreicht hatte, setzte er ihn mit einem
ansehnlichen Gehalt in den Ruhestand und kroente seine Wohltaten noch
damit, dass er ihm in seinem Vermaechtnis sogar ein Legat auswarf; und
doch konnten alle diese Beweise von Dankbarkeit Herrn Villeneuve vor
der Wut dieses grimmigen Menschen nicht schuetzen. Congo Hoango war,
bei dem allgemeinen Taumel der Rache, der auf die unbesonnenen
Schritte des Nationalkonvents in diesen Pflanzungen aufloderte, einer
der ersten, der die Buechse ergriff, und, eingedenk der Tyrannei, die
ihn seinem Vaterlande entrissen hatte, seinem Herrn die Kugel durch
den Kopf jagte. Er steckte das Haus, worein die Gemahlin desselben
mit ihren drei Kindern und den uebrigen Weissen der Niederlassung sich
gefluechtet hatte, in Brand, verwuestete die ganze Pflanzung, worauf
die Erben, die in Port au Prince wohnten, haetten Anspruch machen
koennen, und zog, als saemtliche zur Besitzung gehoerige Etablissements
der Erde gleich gemacht waren, mit den Negern, die er versammelt und
bewaffnet hatte, in der Nachbarschaft umher, um seinen Mitbruedern in
dem Kampfe gegen die Weissen beizustehen. Bald lauerte er den
Reisenden auf, die in bewaffneten Haufen das Land durchkreuzten; bald
fiel er am hellen Tage die in ihren Niederlassungen verschanzten
Pflanzer selbst an, und liess alles, was er darin vorfand, ueber die
Klinge springen. Ja, er forderte, in seiner unmenschlichen Rachsucht,
sogar die alte Babekan mit ihrer Tochter, einer jungen
fuenfzehnjaehrigen Mestize, namens Toni, auf, an diesem grimmigen
Kriege, bei dem er sich ganz verjuengte, Anteil zu nehmen; und weil
das Hauptgebaeude der Pflanzung, das er jetzt bewohnte, einsam an der
Landstrasse lag und sich haeufig, waehrend seiner Abwesenheit, weisse
oder kreolische Fluechtlinge einfanden, welche darin Nahrung oder ein
Unterkommen suchten, so unterrichtete er die Weiber, diese weissen
Hunde, wie er sie nannte, mit Unterstuetzungen und Gefaelligkeiten bis
zu seiner Wiederkehr hinzuhalten. Babekan, welche in Folge einer
grausamen Strafe, die sie in ihrer Jugend erhalten hatte, an der
Schwindsucht litt, pflegte in solchen Faellen die junge Toni, die,
wegen ihrer ins Gelbliche gehenden Gesichtsfarbe, zu dieser
graesslichen List besonders brauchbar war, mit ihren besten Kleidern
auszunutzen; sie ermunterte dieselbe, den Fremden keine Liebkosung zu
versagen, bis auf die letzte, die ihr bei Todesstrafe verboten war:
und wenn Congo Hoango mit seinem Negertrupp von den Streifereien, die
er in der Gegend gemacht hatte, wiederkehrte, war unmittelbarer Tod
das Los der Armen, die sich durch diese Kuenste hatten taeuschen lassen.

Nun weiss jedermann, dass im Jahr 1803, als der General Dessalines mit
30000 Negern gegen Port au Prince vorrueckte, alles, was die weisse
Farbe trug, sich in diesen Platz warf, um ihn zu verteidigen. Denn
er war der letzte Stuetzpunkt der franzoesischen Macht auf dieser Insel,
und wenn er fiel, waren alle Weissen, die sich darauf befanden,
saemtlich ohne Rettung verloren. Demnach traf es sich, dass gerade in
der Abwesenheit des alten Hoango, der mit den Schwarzen, die er um
sich hatte, aufgebrochen war, um dem General Dessalines mitten durch
die franzoesischen Posten einen Transport von Pulver und Blei
zuzufuehren, in der Finsternis einer stuermischen und regnerischen
Nacht, jemand an die hintere Tuer seines Hauses klopfte. Die alte

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