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Rcallahan2

on Apr 05, 2009
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Das Erdbeben in Chili - Heinrich von Kleist

1


Das Erdbeben in Chili


In St. Jago, der Hauptstadt des Koenigreichs Chili, stand gerade in
dem Augenblicke der grossen Erderschuetterung vom Jahre 1647, bei
welcher viele tausend Menschen ihren Untergang fanden, ein junger,
auf ein Verbrechen angeklagter Spanier, namens Jeronimo Rugera, an
einem Pfeiler des Gefaengnisses, in welches man ihn eingesperrt hatte,
und wollte sich erhenken. Don Henrico Asteron, einer der reichsten
Edelleute der Stadt, hatte ihn ungefaehr ein Jahr zuvor aus seinem
Hause, wo er als Lehrer angestellt war, entfernt, weil er sich mit
Donna Josephe, seiner einzigen Tochter, in einem zaertlichen
Einverstaendnis befunden hatte. Eine geheime Bestellung, die dem
alten Don, nachdem er die Tochter nachdruecklich gewarnt hatte, durch
die haemische Aufmerksamkeit seines stolzen Sohnes verraten worden war,
entruestete ihn dergestalt, dass er sie in dem Karmeliterkloster
unsrer lieben Frauen vom Berge daselbst unterbrachte.

Durch einen gluecklichen Zufall hatte Jeronimo hier die Verbindung von
neuem anzuknuepfen gewusst, und in einer verschwiegenen Nacht den
Klostergarten zum Schauplatze seines vollen Glueckes gemacht. Es war
am Fronleichnamsfeste, und die feierliche Prozession der Nonnen,
welchen die Novizen folgten, nahm eben ihren Anfang, als die
unglueckliche Josephe, bei dem Anklange der Glocken, in Mutterwehen
auf den Stufen der Kathedrale niedersank.

Dieser Vorfall machte ausserordentliches Aufsehn; man brachte die
junge Suenderin, ohne Ruecksicht auf ihren Zustand, sogleich in ein
Gefaengnis, und kaum war sie aus den Wochen erstanden, als ihr schon,
auf Befehl des Erzbischofs, der geschaerfteste Prozess gemacht ward.
Man sprach in der Stadt mit einer so grossen Erbitterung von diesem
Skandal, und die Zungen fielen so scharf ueber das ganze Kloster her,
in welchem er sich zugetragen hatte, dass weder die Fuerbitte der
Familie Asteron, noch auch der Wunsch der Aebtissin selbst, welche das
junge Maedchen wegen ihres sonst untadelhaften Betragens liebgewonnen
hatte, die Strenge, mit welcher das mit welcher das kloesterliche
Gesetz sie bedrohte, mildern konnte. Alles, was geschehen konnte,
war, dass der Feuertod, zu dem sie verurteilt wurde, zur grossen
Entruestung der Matronen und Jungfrauen von St. Jago, durch einen
Machtspruch des Vizekoenigs, in eine Enthauptung verwandelt ward.

Man vermietete in den Strassen, durch welche der Hinrichtungszug gehen
sollte, die Fenster, man trug die Daecher der Haeuser ab, und die
frommen Toechter der Stadt luden ihre Freundinnen ein, um dem
Schauspiele, das der goettlichen Rache gegeben wurde, an ihrer
schwesterlichen Seite beizuwohnen.

Jeronimo, der inzwischen auch in ein Gefaengnis gesetzt worden war,
wollte die Besinnung verlieren, als er diese ungeheure Wendung der
Dinge erfuhr. Vergebens sann er auf Rettung: ueberall, wohin ihn auch
der Fittig der vermessensten Gedanken trug, stiess er auf Riegel und
Mauern, und ein Versuch, die Gitterfenster zu durchfeilen, zog ihm,
da er entdeckt ward, eine nur noch engere Einsperrung zu. Er warf
sich vor dem Bildnisse der heiligen Mutter Gottes nieder, und betete
mit unendlicher Inbrunst zu ihr, als der einzigen, von der ihm jetzt
noch Rettung kommen koennte.

Doch der gefuerchtete Tag erschien, und mit ihm in seiner Brust die
Ueberzeugung von der voelligen Hoffnungslosigkeit seiner Lage. Die
Glocken, welche Josephen zum Richtplatz begleiteten, ertoenten, und
Verzweiflung bemaechtigte sich seiner Seele. Das Leben schien ihm
verhasst, und er beschloss, sich durch einen Strick, den ihm der Zufall
gelassen hatte, den Tod zu geben. Eben stand er, wie schon gesagt,
an einem Wandpfeiler und befestigen den Strick, der ihn dieser
jammervollen Welt entreissen sollte, an eine Eisenklammer, die an dem
Gesimse derselben eingefugt war; als ploetzlich der groesste Teil der
Stadt, mit einem Gekrache, als ob das Firmament einstuerzte, versank,
und alles, was Leben atmete, unter seinen Truemmern begrub. Jeronimo
Rugera war starr vor Entsetzen; und gleich als ob sein ganzes
Bewusstsein zerschmettert worden waere, hielt er sich jetzt an dem
Pfeiler, an welchem er hatte sterben wollen, um nicht umzufallen.
Der Boden wankte unter seinen Fuessen, alle Waende des Gefaengnisses
rissen, der ganze Bau neigte sich, nach der Strasse zu einzustuerzen,
und nur der, seinem langsamen Fall begegnende, Fall des
gegenueberstehenden Gebaeudes verhinderte, durch eine zufaellige Woelbung,
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