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Posted by

Rcallahan2

on Apr 05, 2009
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Ein Weihnachtsabend - Charles Dickens

1


Der Weihnachtsabend.


Eine Geistergeschichte

von

Charles Dickens.


Aus dem Englischen

von

Julius Seybt.



Leipzig.

Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.




Inhalt

Erstes Kapitel: Marleys Geist. 3
Zweites Kapitel: Der erste der drei Geister. 25
Drittes Kapitel: Der zweite der drei Geister. 45
Viertes Kapitel: Der letzte der drei Geister. 71
Fünftes Kapitel: Das Ende. 89




Erstes Kapitel.

Marleys Geist.


Marley war tot, damit wollen wir anfangen. Ein Zweifel darüber kann
nicht stattfinden. Der Schein über seine Bestattung wurde von dem
Geistlichen, dem Küster, dem Leichenbesorger und den vornehmsten
Leidtragenden unterschrieben. Scrooge unterschrieb ihn und Scrooges Name
wurde auf der Börse respektiert, wo er ihn nur hinschrieb. Der alte
Marley war so tot wie ein Thürnagel.

Merkt wohl auf! Ich will nicht etwa sagen, daß ein Thürnagel etwas
besonders Totes für mich hätte. Ich selbst möchte fast zu der Meinung
geneigt sein, ein Sargnagel sei das toteste Stück Eisenwerk auf der
Welt. Aber die Weisheit unsrer Altvordern liegt in dem Gleichnisse und
meine unheiligen Hände sollen sie dort nicht stören, sonst wäre es um
das Vaterland geschehen. Man wird mir daher erlauben, mit besonderem
Nachdruck zu wiederholen, daß Marley so tot wie ein Thürnagel war.

Scrooge wußte, daß er tot war? Natürlich wußte er's. Wie konnte es auch
anders sein? Scrooge und er waren, ich weiß nicht seit wie vielen
Jahren, Handlungsgesellschafter. Scrooge war sein einziger
Testamentsvollstrecker, sein einziger Administrator, sein einziger Erbe,
sein einziger Freund und sein einziger Leidtragender. Und selbst Scrooge
war von dem traurigen Ereignis nicht so entsetzlich gerührt, daß er
selbst an dem Begräbnistage nicht ein vortrefflicher Geschäftsmann
gewesen wäre und ihn mit einem unzweifelhaft guten Handel gefeiert
hätte.

Die Erwähnung von Marleys Begräbnistag bringt mich zu dem Ausgangspunkt
meiner Erzählung wieder zurück. Es ist ganz unzweifelhaft, daß Marley
tot war. Das muß scharf ins Auge gefaßt werden, sonst kann in der
Geschichte, die ich eben erzählen will, nichts Wunderbares geschehen.
Wenn wir nicht vollkommen fest überzeugt wären, daß Hamlets Vater tot
ist, ehe das Stück beginnt, würde durchaus nichts Merkwürdiges in seinem
nächtlichen Spaziergang bei scharfem Ostwind auf den Mauern seines
eignen Schlosses sein. Nicht mehr, als bei jedem andern Herrn in
mittleren Jahren, der sich nach Sonnenuntergang rasch zu einem
Spaziergang auf einem luftigen Platze, zum Beispiel Sankt Pauls
Kirchhof, entschließt, bloß um seinen schwachen Sohn in Erstaunen zu
setzen.

Scrooge ließ Marleys Namen nicht ausstreichen. Noch nach Jahren stand
über der Thür des Speichers »Scrooge und Marley.« Die Firma war unter
dem Namen Scrooge und Marley bekannt. Zuweilen nannten Leute, die ihn
noch nicht kannten, Scrooge Scrooge und zuweilen Marley; aber er hörte
auf beide Namen, denn es war ihm ganz gleich.

O, er war ein wahrer Blutsauger, der Scrooge! ein gieriger,
zusammenscharrender, festhaltender, geiziger alter Sünder; hart und
scharf wie ein Kiesel, aus dem noch kein Stahl einen warmen Funken
geschlagen hat; verschlossen und selbstbegnügt und für sich, wie eine
Auster. Die Kälte in seinem Herzen machte seine alten Züge erstarren,
seine spitze Nase noch spitzer, sein Gesicht von Runzeln, seinen Gang
steif, seine Augen rot, seine dünnen Lippen blau, und klang aus seiner
krächzenden Stimme heraus. Ein frostiger Reif lag auf seinem Haupt, auf
seinen Augenbrauen, auf den starken kurzen Haaren seines Bartes. Er
schleppte seine eigene niedere Temperatur immer mit sich herum; in den
Hundstagen kühlte er sein Comptoir wie mit Eis; zur Weihnachtszeit
wärmte er es nicht um einen Grad.

Aeußere Hitze und Kälte wirkten wenig auf Scrooge. Keine Wärme konnte
ihn wärmen, keine Kälte ihn frösteln machen. Kein Wind war schneidender
als er, kein fallender Schnee mehr auf seinen Zweck bedacht, kein
schlagender Regen einer Bitte weniger zugänglich. Schlechtes Wetter
konnte ihm nichts anhaben. Der ärgste Regen, Schnee oder Hagel konnten
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